Drogen und Gesundheit
Healthy Body – Sick Mind
Über Drogenpolitik und Gesundheitswahn
Vortrag von Lars Quadfasel
Während der Gebrauch von berauschenden Genussmitteln in zunehmendem Maße verboten oder eingeschränkt wird, boomt der Markt an Medikamenten, die die beschädigten Subjekte wieder leistungsfähig machen sollen. Die Buchläden sind überfüllt mit Gesundheitsratgebern, die Straßen mit Joggern. Fettfreier Yoghurt und Ampelfarben auf Ernährungsprodukten sorgen dafür, dass die bewusstlosen Subjekte sich auch bewusst ernähren. Mit der Renaissance des gesunden Lebens einhergehender Vitalismus und Körperkult sind nur die Spiegelseite der Körperverachtung und Lustfeindschaft. Die Krankheit der Gesunden spiegelt die Gesundheit der Kranken: Je stärker das Leiden, desto lauter schreit das Subjekt nach Gesundheit, je größer die Zurichtung des Körpers, desto stolzer ist man auf seine billig erkaufte “Fitness”. Der Gesundheitsbegriff jedoch abstrahiert von allem Leiblichen, d.h. vom Leiden, und diesem leeren Abstraktionsideal hat schließlich der konkrete Körper sich anzugleichen. Der “Haßliebe gegen den Körper” (Adorno) entspringen zwei Klischees, die sich selbst bedingen: auf der einen Seite sanktionierter Genuss ohne Reue, mit wenig Kalorien und “healthy sex”, verbildlicht im “Genießertyp” der Vorabendserie; auf der anderen Seite das krankhaft süchtige Drogenopfer, vom Fernsehen als zoologisches Objekt zur Schau und Bejammerung gestellt. Über ersteres wusste schon Adorno zu sagen, dass verordnete Lust keine mehr sei. Das zweite Klischee, das vom Junkie, ist der Gesellschaft Fläche für pathische Projektionen der eigenen verbotene Lüste. Was das Subjekt als Wunsch vielleicht verspürt, an sich selbst aber verachten muss, den Drang, das Begehren, die Lust, projiziert es als Verkehrtes auf den Drogensüchtigen, dem gar nichts andres bleibt, als Opfer zu sein. Die Horrorbilder in den Medien tragen dazu bei, den Drogen und ihren Anhängseln, den Menschen, die sie nehmen, die ihnen gebührende Verachtung entgegenzubringen. Nach einem Wort Nietzsches ist unbewusster Neid im scheelen Blick ihrer Verachtung. Sie verspüren den Wunsch nach einem Hauch Freiheit, den sie in der romantisierenden Darstellung der Droge – die wiederum nur Kehrseite der schmähenden – verwirklicht sehen. Wie die Integration des Sexus in den Kulturbetrieb dazu führt, dass je freizügiger die Darstellung in Film und Fernsehen, desto weniger in den wirklichen Schlafzimmern los ist, bleibt der Rausch bei den Depps und Travoltas, und der Abspann holt einen rasch zurück ins “wahre” Leben, in dem schon der nächste Arbeitstag darauf wartet, einem noch den letzten Funken Lust auszutreiben. Ein kleiner Erkenntnisgewinn würde sich also bereits einstellen, tauschte man in der gegenwärtigen Diskussion einmal das Wörtchen “Droge” durch das Wörtchen “Arbeit” aus:
Arbeit ist ungesund, macht dumm, zerstört den Körper und kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen.
Freitag, 10.April 2009 – 19.30 Uhr
Kulturladen Nord (KUNO) Wurzelbauerstr. 29, Nürnberg
Eintritt: 5,– / 3,– €
