You are currently browsing the category archive for the 'Veranstaltungen' category.

ça ira Verlag und AG Kritische Theorie präsentieren

KOMMUNISTISCHER LITERATURSALON NÜRNBERG
27. und 28. November 2009

Freitag, 27. November, K4, Königsstraße 93, Kopfbau (2. Stock)

19:00 Uhr
DAS KONZEPT MATERIALISMUS
Buchvorstellung mit Manfred Dahlmann (ISF Freiburg)
Der revolutionäre Materialismus oder auch: kritischer Kommunismus der Gegenwart hat die Erfahrung der Shoah und hat die Geschichte des Nazifaschismus nicht einer wie immer auch kritisch gemeinten Gesellschaftstheorie anzuhängen und aufzukleben, sondern er hat diese Erfahrung vollendeter Negativität in das Innerste seiner Kategorien aufzunehmen und zu reflektieren. Jedweder ’Marxismus’, der sich weigert, auf diesen Zeitkern der Wahrheit zu reflektieren, ist Müll. Kein Materialismus ist noch denkbar, der dies nicht im Herzen der Kritik der politischen Ökonomie zu bedenken hätte. Es geht darum, der katastrophalen Entfaltung des Kapitals zu seinem Begriff, der Barbarei, kritisch inne zu werden.

21:00
REVOLUTIONSTRIBUNAL – Zur Pathologie des jüngeren deutschen Nationalbolschewismus am Beispiel der jungen Welt.
Mit Joachim Bruhn (ISF Freiburg), Jan Gerber (Halle), und Danyal (Cosmoproletarian Solidarity)
Die sogenannte radikale Linke, die zwar nie radikal, sondern stets sozialdemokratisch war, ist tot. Ihr Verfaulungsprozess lässt sich an der nur ein paar Meter vom Revolutionstribunal entfernten „Linken Literaturmesse“ beobachten. Die einzigen dort feilgebotenen Bücher, in denen noch ein Hauch des Lebens und der Kritik steckt, bieten die Antiquariate an, alles Andere dort ist im besten Falle anachronistisch. Den Kitt, der die Verfaulenden bei der Stange hält, bietet die junge Welt, an der gar nichts jung ist und deren Ideologie von den autochtonen Völkern ein Zentralangriff auf die revolutionäre Idee der einen Menschheit ist, der sich, wie stets im Antiimperialismus, gegen den Staat der Juden und den Westen richtet. Das Revolutionstribunal wird die längst überfällige Beerdigung dieser Zeitschrift und ihres gesamten Linken Anhangs.

Samstag, 28. November, K4, Königsstraße 93, Hinterzimmer (Erdgeschoss, links)

16.00 Uhr
FIGHT FOR FREEDOM – Die Legende vom anderen Deutschland
Buchvorstellung mit Jan Gerber und Anja Worm (Halle)

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg “wurde der Welt die Lüge von der deutschen Unschuld aufgetischt. Die Welt wurde eingeladen zu glauben, daß Deutschland angegriffen wurde und daß es das Schwert zu seiner eigenen Verteidigung gezogen hat. Eine zweite Lüge wird derzeit für den universellen Gebrauch vorbereitet, die Lüge, daß das deutsche Volk an diesem Krieg unschuldig ist.” (Curt Geyer/Walter Loeb 1942)

Während die erste Lüge inzwischen weitgehend vergessen ist, hat die zweite bis heute Bestand. Die Legende vom ‘anderen Deutschland‘ war eine der ideologischen Gründungsvoraussetzungen der Bundesrepublik und der DDR, und bis heute gehört sie zum geschichtspolitischen Repertoire der Berliner Republik.

Curt Geyer, Walter Loeb und die Mitglieder der Gruppe “Fight for Freedom” zählen zu den wenigen, die dieser Legende schon in den frühen vierziger
Jahren, im britischen Exil, entgegentraten. Mit Artikeln, Broschüren und Dossiers (die hier erstmalig in deutscher Übersetzung geboten werden)
unterstützten sie Sir Robert Vansittart, Mitglied des Oberhauses und Publizist, neben Henry Morgenthau noch immer einer der in Deutschland
bestgehaßten Männer.

18:00 Uhr
WIDER DIE GESUNDHEITSRELIGION – Über das Krisenphänomen Gesundheit
Vortrag von Leo Elser (Redaktion Pólemos)

Nicht nur metaphorisch lässt sich eine Gesundheitsreligion – wenn auch ohne jede Transzendenz – diagnostizieren: Das Ideal ist unerreichbar, und der Weg führt über Entsagung von Genussmitteln, Selbstkasteiung im Sport und die Beichte beim Hausarzt. An die Stelle der Priesterrobe tritt der Arztkittel, an die des Wissensmonopols mittelalterlicher Kleriker auf den Weg zum Seelenheil das der Mediziner auf den zur Gesundheit.

Die Unterwürfigkeit des Patienten vor dem weißen Kittel, die Totalisierung der Medizin, die steigende Anzahl verschriebener Psychopharmaka, „ganzheitliche Ernährung“, Diäten, „Nichtraucherschutz“ und Fitnesskult sind längst zur Alltagsideologie geworden, von der nicht nur ganze Industriezweige leben, sondern die weitreichende Teile der Lebenszeit der Individuen vereinnahmt. Der den Gesunden eigentümliche „krampfhafte Hang zum Positiven“ (Adorno) ist jedoch das Anschmiegen an den Prozess der Vergesellschaftung selbst, der autoritäre Versuch widerspruchsfreie Identität herzustellen, den Freud verzweifelt als „Todestrieb“ auf den Begriff zu bringen, Heidegger affirmativ als „Sein zum Tode“ zu ontologisieren suchte.

Die Reserven zur Verhinderung des
allgemeinen Chaos

Was kann die US-Politik dem europäischen
Appeasement entgegensetzen?

Vortrag von Gerhard Scheit

Es scheint sich um ein geradezu gesetzmäßiges Schwanken der US-Politik zu handeln: Auf den Republikaner Theodor Roosevelt folgt der Demokrat Woodrow Wilson, nach Bush jr. zieht Obama ins Weiße Haus ein. Jener macht sich, was die Frage der Souveränität betrifft, wenig Illusionen und tut jederzeit kund, daß eine kraftlose, nicht durch Macht abgesicherte Rechtlichkeit („a milk-and-water righteousness“) ebenso verdammenswert oder noch verdammenswerter sei als Macht ohne Recht; und ist sofort bereit, in den Krieg zu ziehen, wenn ein Weltkrieg droht; dieser aber verklärt den nötigen Waffengang, der den Einflußbereich und die Handelsmacht der USA sichert, zum letzten Krieg, der den ewigen Frieden bringe: „war to end all wars“. Der Nachfolger ideologisiert die pragmatischen Entscheidungen des Vorgängers – und läuft Gefahr, die Grundlage dieser Pragmatik: den aufgeklärten Begriff westlicher Souveränität, preiszugeben.

Tatsächlich treten die USA immer in den Krieg ein, um unter Beweis zu stellen, nicht einfach alle Kriege, sondern jeden Weltkrieg zu beenden, das heißt jede
von Katastrophenpolitik entfesselte, alle Grenzen überschreitende, kriegerische Auseinandersetzung. „Die amerikanische Auffassung vom gerechten Krieg“, so Hannah Arendt, „ist wesentlich – nicht ‚a war to end all wars’ oder ‚a war to make the world safe for democracy’ – von der Kriminalisierung des Angriffskriegs als Angriff, als Friedens- und Vertragsbruch bestimmt, wobei nach angelsächsischer Auffassung der Vertragsbruch schwerer wiegt als der Friedensbruch.“ Der Frieden werde nach dieser Auffassung nicht „ideologisiert“, also „von der Realität gelöst“, es bedarf hingegen stets „einer klaren Gefahr und Bedrohung, um die Welt zu pazifizieren“.

Am Ende eines solchen Kriegs steht eine, von der US-Politik inspirierte oder ins Leben gerufene internationale Organisation, die als adäquate Antwort auf
die Katastrophenpolitik gedacht ist – und dazu tendiert, den Frieden zu ideologisieren. Die Siegermächte simulieren einen Weltsouverän, hervorgegangen aus dem Weltkrieg. Statt „balance of power“ müsse es nunmehr „a community of power“ geben, „not organized rivalries, but an organized common peace“, sagte Wilson 1917. Und je mehr die Macht der Sieger schwindet, desto mehr geben die Erfolge und Mißerfolge dieser Organisationen zu erkennen, daß ein solcher Überstaat „to end all wars“ nicht wirklich existiert, sondern nur ein Gleichgewicht des Schreckens, das aber durchaus dauerhafte, organisatorische Form anzunehmen vermag und als regulatives Prinzip auf Zeit fungieren kann. (…)

Samstag – 13. Juni 09 – 19.00 Uhr
DIA – Amerika Haus Nürnberg – Gleisbühlstr. 9
Eintritt 3,-/ 5,- Euro

Der Stoff aus dem die Alpträume sind

Das „Burka-Plakat“ als Ausdruck repressiver Toleranz

Vortrag und Diskussion von und mit Tobias Ertl (AG Kritische Theorie) und Mina Ahadi (Zentralrat der Ex-Muslime), Moderation: Norbert Zlöbl (Pólemos)

Heftig und kurz war die Aufregung über eine Plakataktion dieser Stadt zu Beginn des Jahres, mit der Menschen aus aller Welt in Nürnberg willkommen geheißen werden sollten. Das sogenannte „Burka-Plakat“ sorgte für Aufregung bis in die Bundeshauptstadt Berlin. Heftig war die Empörung der autochthonen Bevölkerung Nürnbergs nicht darüber, was dieses Plakat zeigt und damit affirmiert: eine vollverschleierte Frau im Hidschab, welche die Mitte eines ethno-kitsch Ensembles in der Illustration einnahm, sondern über die zwar spärliche aber, doch vehemente Kritik an dieser Karikatur von Menschen, welche das Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument der Verschleierung auch offen als das benannten was es eben ist: menschenverachtend. Kritik an dieser Kampange stieß auf Seiten der Fans des Plakates und der notorischen Aktiv-Bürger auf Verwunderung und völliges Unverständnis. Die Nürnberger wollten sich ihre „guten Absichten“ nicht madig machen lassen. Trotzig bis pampig bestand der „Nürnberger an sich“ auf seine „Weltoffenheit und Toleranz“ – auch gegenüber den Praktiken der Islamfaschisten. Man wollte – infantil und frühvergreist – an der Auffassung festhalten, dass nicht das konkrete Individuum wichtig ist, sondern die vielen Kulturen, die es zu schützen gälte, egal was den Individuen in diesen Kulturen widerfährt. Kurz war die Aufregung wiederum, weil nach mehreren ungefragten und unkonventionellen Volksabstimmungsaktionen für das Burka-Plakat der OB Maly das letzte Machtwort sprach: Das Plakat soll bis zum Sommer hängen bleiben.
Auch wenn das Plakat inzwischen kaum noch in den städtischen Schaukästen hängt, ist dieses Thema für uns noch nicht gegessen. Zu offenbar wurde darin zum Ausdruck gebracht, was von Nürnbergern in Sachen kritisches Bewusstsein und politisches Urteilsvermögen zu erwarten ist. Zu kritisieren wäre eine solche Plakatkampagne nicht als unerhörte Entgleisung, als politischer Skandal, der ebenso politisch zu korrigieren sei, sondern als konsequenter Ausdruck eines deutschen Selbstverständnisses, das – von ganz links bis ganz rechts – statt Menschen nur noch Kulturen und Völker sieht und dem der Islam als Erlöser für die ureigensten Sehnsüchte gilt, als das Idealbild einer Gemeinschaft, die man für sich selbst gerne verwirklicht sähe.

Zu dem Vortrag und zur anschließenden Diskussion sind Sie herzlich eingeladen.

Donnerstag, 07.Mai 2009

19.30 Uhr, DGB-Haus, 7.Stock,

Raum „Burgblick“, Kornmarkt 5-7, Nürnberg
Eintritt frei

Nachtrag: Folgender Kommentar hat uns erreicht, allerdings ist der Moderator dieser Seite aus technischen Gründen verhindert und der Ersatz-Moderator unfähig. Da er uns veröffentlichungswürdig erscheint,  steht er jetzt hier:

Liebe Verantwortlichen von Blog kritischetheorie,

zur Veranstaltung am 7. Mai im DGB-Haus
betreffend das Burka-Plakat der Stadt Nürnberg
hier ein Text mit Hintergrundinformation, der
einen Durchklick zur Unterschriftenaktion
gegen das genannte Burkaplakat
enthält.
http://burkaplakat.wordpress.com/

Drogen und Gesundheit

Healthy Body – Sick Mind

Über Drogenpolitik und Gesundheitswahn

Vortrag von Lars Quadfasel

Während der Gebrauch von berauschenden Genussmitteln in zunehmendem Maße verboten oder eingeschränkt wird, boomt der Markt an Medikamenten, die die beschädigten Subjekte wieder leistungsfähig machen sollen. Die Buchläden sind überfüllt mit Gesundheitsratgebern, die Straßen mit Joggern. Fettfreier Yoghurt und Ampelfarben auf Ernährungsprodukten sorgen dafür, dass die bewusstlosen Subjekte sich auch bewusst ernähren. Mit der Renaissance des gesunden Lebens einhergehender Vitalismus und Körperkult sind nur die Spiegelseite der Körperverachtung und Lustfeindschaft. Die Krankheit der Gesunden spiegelt die Gesundheit der Kranken: Je stärker das Leiden, desto lauter schreit das Subjekt nach Gesundheit, je größer die Zurichtung des Körpers, desto stolzer ist man auf seine billig erkaufte „Fitness“. Der Gesundheitsbegriff jedoch abstrahiert von allem Leiblichen, d.h. vom Leiden, und diesem leeren Abstraktionsideal hat schließlich der konkrete Körper sich anzugleichen. Der „Haßliebe gegen den Körper“ (Adorno) entspringen zwei Klischees, die sich selbst bedingen: auf der einen Seite sanktionierter Genuss ohne Reue, mit wenig Kalorien und „healthy sex“, verbildlicht im „Genießertyp“ der Vorabendserie; auf der anderen Seite das krankhaft süchtige Drogenopfer, vom Fernsehen als zoologisches Objekt zur Schau und Bejammerung gestellt. Über ersteres wusste schon Adorno zu sagen, dass verordnete Lust keine mehr sei. Das zweite Klischee, das vom Junkie, ist der Gesellschaft Fläche für pathische Projektionen der eigenen verbotene Lüste. Was das Subjekt als Wunsch vielleicht verspürt, an sich selbst aber verachten muss, den Drang, das Begehren, die Lust, projiziert es als Verkehrtes auf den Drogensüchtigen, dem gar nichts andres bleibt, als Opfer zu sein. Die Horrorbilder in den Medien tragen dazu bei, den Drogen und ihren Anhängseln, den Menschen, die sie nehmen, die ihnen gebührende Verachtung entgegenzubringen. Nach einem Wort Nietzsches ist unbewusster Neid im scheelen Blick ihrer Verachtung. Sie verspüren den Wunsch nach einem Hauch Freiheit, den sie in der romantisierenden Darstellung der Droge – die wiederum nur Kehrseite der schmähenden – verwirklicht sehen. Wie die Integration des Sexus in den Kulturbetrieb dazu führt, dass je freizügiger die Darstellung in Film und Fernsehen, desto weniger in den wirklichen Schlafzimmern los ist, bleibt der Rausch bei den Depps und Travoltas, und der Abspann holt einen rasch zurück ins „wahre“ Leben, in dem schon der nächste Arbeitstag darauf wartet, einem noch den letzten Funken Lust auszutreiben. Ein kleiner Erkenntnisgewinn würde sich also bereits einstellen, tauschte man in der gegenwärtigen Diskussion einmal das Wörtchen „Droge“ durch das Wörtchen „Arbeit“ aus:

Arbeit ist ungesund, macht dumm, zerstört den Körper und kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen.

Freitag, 10.April 2009 – 19.30 Uhr
Kulturladen Nord (KUNO) Wurzelbauerstr. 29, Nürnberg
Eintritt: 5,– / 3,– €

Die Inszenierung eines Interventionsanlasses

Über die Völkerschlacht im früheren Jugoslawien
und die deutsche Regie auf dem Kriegsschauplatz

Vortrag von Thomas Becker
Als am 24. März 1999 Piloten der Bundeswehr an der Seite eines Nato-Geschwaders über Belgrad erschienen, welches ihre ersten Bombenladungen auf die Stadt warf und damit eine Luftschlacht einleiteten, die 78 Tage andauern sollte, bis sie Serbien schließlich zur Kapitulation zwang, hatte die UCK den Krieg schon gewonnen. Die sogenannte Befreiungsarmee der Kosovo-Albaner hatte, wie die kroatischen und muslimischen Volkskrieger vor ihr, den Aufstand gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, nur gewagt, weil sie die berechtigte Hoffnung hegte, dass ihr die überlegene Militärmacht des Westens zur Hilfe eilen würde, sobald der Krieg einmal in Gang gekommen war. Die Strategie hatte sich in Bosnien bewährt. Um die gewünschte Nato-Intervention heraufzubeschwören, musste man nur – z.B. durch terroristische Aktionen – die Staatsorgane zu unverhältnismäßigen Gegenmaßnahmen provozieren und so lange durchhalten, bis in den internationalen Medien der Anschein eines außer Kontrolle geratenen Bürgerkriegs entstand. Opfer unter der Zivilbevölkerung und Fluchtbewegungen stellen sich dann normalerweise ganz von selbst ein, so dass Massaker und Gräueltaten nicht in jedem Fall inszeniert oder frei erfunden werden müssen. Die UCK brauchte nur wenige Anläufe, zuerst im Frühjahr, dann im Sommer 1998, um schon nach einem Jahr jene humanitäre Katastrophe herzustellen, welche zum Anlass der Nato-Intervention wurde. In Bosnien, wo man sich noch nicht auf einen Präzedenzfall beziehen konnte, der dort erst geschaffen wurde, brauchte es dafür mehr Zeit und Opfer. Das deutsche Volk, das seine Selbstbestimmung am 9. November 1989 errungen hatte, war zunächst das einzige Vorbild und Deutschland der einzige westliche Verbündete. Der Volksaufstand in Kroatien und Bosnien konnte sich damals lediglich auf das Versprechen des deutschen Außenministers stützen, dass den Völkern Jugoslawiens nicht verwehrt werden könne, was den Deutschen gerade geschenkt ward, und dass mit jedem Schuss der Ausbruch aus dem „sozialistischen Völkergefängnis“ näher rücke.

Thomas Becker lebt als freier Autor in Bielefeld und schreibt u. a. für die Zeitschrift „Bahamas“

Donnerstag, 26.März 2009 – 19.30 Uhr
Kulturladen Nord (KUNO) Wurzelbauerstr. 29, Nürnberg
Eintritt: 5,– / 3,– €

“Wenn ich verzweifelt bin, was geht‘s mich an?”
Theorie als Kritik

Vortrag von Fabian Kettner

Theorie und Praxis sind auseinander, der Faden ist gerissen. Wären sie es nicht, könnte man sich nicht das Problem ihrer “Vermittlung” stellen. Dies bedeutet für die willigen Revolutionäre im Wartestand eine schier ewige Situation, in der man nicht weiß, was man tun soll. Theorie, das sei das, was der Kopf macht, wenn er die Ungerechtigkeit des Bestehenden erkennt, anderen begreiflich macht und eine folgerichtige Utopie entwirft. Praxis, das sei das, was die Hand macht, wenn diese Ungerechtigkeit abgeschafft werden soll, indem sie eine Barrikade errichtet; ist das, was die Beine machen, wenn sie den theorieschweren Kopf und den Rest des Körpers vor der Polizei in Sicherheit bringen, wenn die Barrikade sich wieder mal als Abenteuerspielplatz für junge Erwachsene herausgestellt hat. Das Verhältnis beider zueinander könnte so schön sein: der Kopf denkt aus und leitet an, die Extremitäten führen aus. Jeder ist so seine eigene Fabrik: Ingenieursbüro und Werkbank in einem. Aber die Theorie nervt, kritisiert die Praxis, und die Praxis wirft der Theorie Faul- und Feigheit vor. Theorie wirkt als Besinnung und entschleunigt. Ihre Weigerung gegen das Werkeln an dem, was ansteht, was man vorgesetzt bekommt, sich vorsetzen läßt, hemmt Praxis; soviel ist richtig und soviel ist gut an ihr. Der Zwitter der Konstruktion “theoretische Praxis” soll das schlechte Gewissen der Theoretiker beruhigen. Die Theorie hat recht und das, was Praxis entbehrt, und ihr mangelt das, was Praxis ist; aber sie führt zu nichts, außer vielleicht dazu, damit aufzuhören, weiterhin das Falsche zu tun. Sie macht nicht glücklich, aber dazu ist sie auch nicht da.

Fabian Kettner (Köln) ist Mitherausgeber des gerade bei ça ira erschienenen Buches “Theorie als Kritik”. Er ist Mitglied des Arbeitskreises Rote Ruhr-Uni (www.rote-ruhr-uni.com) sowie des Instituts für Sozialtheorie (www.sozialtheorie.de) und promoviert über den Nicht-/Zusammenhang von Holocaust und Moderne.

Samstag, 15. November 2008, 17.00 Uhr
Glasbau, K4
Königstr. 93, Nürnberg
im Rahmen der Linken Literaturmesse

Kalkül und Wahn, Vertrauen und Gewalt
Vor dem Ausnahmezustand des Kapitals

Vortrag von Joachim Bruhn

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.
Gleichwohl: Die Gesellschaft der totalen Konkurrenz ist in heller Panik,
sie wird sich zersetzen und zerstören. Unmöglich noch kann sie die
Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Existenz aus sich selbst heraus
reproduzieren: der vollendet autistische Selbstbezug des Kapitals, die
losgelassene Akkumulation um der Akkumulation willen, die „Plusmacherei“
(Marx) rutscht ins historische Minus, zerbricht an sich und eben daran,
daß die Gesellschaftlichkeit der Individuen als Subjekte bloß auf dem
generalisierten Ausschluß aller durch alle gründet, der, eben in den
Formen von Wert, Geld, Kapital den totalen Einschluß stiftet, d.h.: die
gesellschaftliche Synthesis als vollendet negative. Das ist gewiß paradox:
die unbedingte gesellschaftliche Einheit in der Form des totalisierten
Atomismus; ein Paradox jedoch, das im Geld dingliche Gewalt annimmt und
als „logisches Rätsel“ (FAZ) erscheint. In der Panik wird sich die falsche
Gesellschaft ihres eigenen Widersinns inne, allerdings in einer nur noch
verrückteren Form, einer Form, die das bankrotte Kalkül der Ökonomie
vermittels des Wahns der Politik zu therapieren verspricht, tatsächlich zu
überbieten sucht: der Form eines paranoiden Souveräns, der den Triumph des
Willens über den kapitalen Sachzwang beschwört und so gerade die Angst vor
dem Chaos schürt, darin die Flucht nach vorn anpeitscht und so auf den
autoritären Staat provoziert, auf den Ausnahmezustand, d.h. auf die
ursprünglich faschistische Situation: denn nichts anderes ist der „Preis
des Marktes“ als das politisch, vermittels des Gewaltmonopols auf Leben
und Tod erzwungene Opfer der Individuen.

Joachim Bruhn (Initiative Sozialistisches Forum, Freiburg) hat zuletzt mit Jan Gerber das Buch „Rote Armee Fiktion“ herausgegeben (ça ira: 2007), demnächst erscheint von ihm „Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation“ (ça ira: Winter 2008).
Weitere Texte der ISF zur Krise auf der WebSite des ça ira-verlags www.isf-freiburg.org

Montag 24.11. um 19.30 Uhr
Nachbarschaftshaus Gostenhof – Kleiner Saal
Adam-Klein-Straße 6 – 90429 Nürnber
g

Dalaimann, geh du voran!
Tibet als Provinz westlicher Sinnsuche

Vortrag von Horst Pankow

Sport ist Mord lautete einer der wenigen Slogans aus der versunkenen Welt der alten „Neuen Linken“, die auch nach den postmortalen Desillusionierungsexzessen von Veteranen und Spätberufenen noch eine gewisse Geltung beanspruchen dürfen. Freilich stellt sich in der Rückschau die Bedrohlichkeit öffentlich inszenierter Leibesübungen vor allem als Gefahr an Langeweile zumindest mental zugrunde zugehen dar. Dass Angehörige der „eigenen Nation“ schneller laufen, höher springen und allerlei Kindereien besser beherrschen als „die anderen“ – was nützt das angesichts schwindender Hoffnung im Ozean kapitalistischer Konkurrenz die Strohhalme vermeintlicher Rettung vor den anderen zu erreichen oder der Aussicht mit Strohhalm und anderen gemeinsam unterzugehen. Spannend war die Olympiade in München 1972, als palästinensische Antisemiten die deutsche Idee einer eschatologischen Endlösung ins Urheberland qua praktizierten Judenmordes zurück brachten und im finalen Schießwettbewerb mit bayerischen Polizeikräften erhebliche Trefferquoten erzielten. Die Palästinenser der diesjährige Olympiade in China sollten aus China kommen – aus Tibet, dem „Dach der Welt“. Hatte doch im März eine tibetische Hamas-Bewegung den „Volksaufstand“ gewagt und konsequenterweise „Fremdstämmige“ durch Brandschatzung massakriert. Angesichts dieser Erwartungen geriet die Olympiade angesichts mangelnder tibetisch-nationaler Manifestationen zur Enttäuschung. Die von westlichen Medien unisono als „spiritueller Führer der Tibeter“ bezeichnete Person, der „XIV. Dalai Lama“ hatte sich nicht nur von den mörderischen tibetischen Märzereignissen ausdrücklich distanziert, während der Olympiade besuchte sie demonstrativ das „laizistische“ Frankreich, das kurz darauf den katholischen Papst eine Art „privilegierter Partnerschaft“ anbieten sollte. Überhaupt unterbietet der Dalai Lama in seinen öffentlich und darüber hinaus publizierten Äußerungen die verbalen Sensationen der Sinnsucher eines neuen „antitotalitären“ Zusammenhangs. Angesichts des westlichen Gegeifers gegen „Maos Horden“ und „bolschewistische Kulturvernichtung“ lesen sich seine Schriften verhältnismäßig moderat und gleichermaßen langweilig. Er hat zwei Optionen: Ein „autonomes Tibet“ innerhalb des bestehenden Chinas, inklusive der Transferzahlungen seitens der Pekinger Zentrale, oder ein „selbständiges“ unter westlicher Ägide, vor allem finanziert durch den Hauptexportartikel „Spiritualität“. Seine westlichen Anhänger – hat er überhaupt andere? – sehen in ihm eine Lichtgestalt, einen modernen Propheten. Dabei zehren sie vor allem von eigenen „spirituellen“ Leistungen, denn in den Schriften „Seiner Heiligkeit“ (offizielle Anrede nicht nur unter ausgemachten Jüngern) ist von Originalität wenig zu verspüren. Die aus diesen Schriften sprechende allgemeine Diffusität mag ein Schlüssel zum Verständnis der Attraktivität dieses „Heiligen“ sowohl bei Pazifisten wie bei Anhängern der Folter (Roland Koch u. ä.) zu sein. Immerhin ergab eine Umfrage im vergangenen Jahr, dass der Tibeter bei den Deutschen beliebter ist als der deutsche Pabst in Rom. 44% der Befragten bezeichneten den Lama als „Vorbild“, Herr Ratzinger brachte es nur aus 42%. Vor allem solche Projektionen und ihre Funktion(en) für westliche Sinnsucher sollen in der Veranstaltung thematisiert werden.

Horst Pankow lebt in Berlin und veröffentlicht Einwände gegen den Irrationalismus dieser Zeit u.a. in Konkret, Bahamas und Prodomo.

Dienstag, 4. November 2008, 19.30 Uhr
Kulturladen Nord (KuNo)
Wurzelbauerstr.29 Nürnberg
Eintritt 5€ Ermäßigt 3€

Scharia, Sex und Kopftuch
Frauen im Islam

Film, Vortrag und Diskussion mit Thomas Maul und Fathiyeh Naghibzadeh

Als die Frauen Teherans im März 1979 gegen die Kopftuchverordnung Khomeinis auf die Straße gingen, skandierten sie Parolen wie „Emanzipation ist nicht östlich oder westlich, sondern universal.“ Der Kampf um Befreiung war ganz selbstverständlich einer gegen das Kopftuch. Im Westen indes scheint diese Banalität bis heute nicht angekommen zu sein. Im Gegenteil: das Kopftuch geht hierzulande als ein vieldeutiges Stück Stoff durch, das aus den verschiedensten Motiven angelegt werde. Entsprechend habe man sich ein differenziertes „Bild“ von den „Frauen im Islam“ zu machen und kompromisslose Kopftuchgegner als islamophob bzw. rassistisch zu etikettieren. Dass mit der „schleichenden“ Islamisierung jedoch reale Gefahren für Leib und Leben nicht nur von Migrantinnen verbunden sind, wird systematisch verdrängt. Was den Linken und anderen Islamverstehern zu Ehrenmorden, Zwangsehen und sexueller Gewalt einfällt, reduziert sich stets aufs Märchen über patriarchalische Traditionen/ Kulturen, mit denen der Islam nichts zu tun haben soll.

Gegen diesen pseudo-antirassistischen Mainstream richtet sich unsere Veranstaltung. Wir beginnen mit der Vorführung eines 12min. Dokumentarfilms zu den iranischen Frauendemonstrationen. Im Anschluss daran werden Fathiyeh Naghibzadeh und Thomas Maul einigen kritischen Fragen zum Kopftuch, dieser Flagge des Islam, nachgehen: in welchem Zusammenhang steht der Hijab mit der Scharia? Fungiert die Verbreitung des Kopftuchs im öffentlichen Raum auch im Westen als Auftakt zur Schariatisierung der Gesellschaft im Allgemeinen oder „nur“ der islamischen Communities? Welche Rolle weist die Umma der Muslima bei der repressiven Triebregulierung zu? Inwiefern ist das Kopftuch Ausdruck einer biopolitischen Verteidigung des Gemeinwohls gegen weibliche Selbstbestimmung?

Fathiyeh Naghibzadeh ist iranische Exilantin. Sie ist Mitglied des Berliner Mideast Freedom Forum und Co-Filmemacherin der Dokumentation: „Kopftuch als System oder: machen Haare verrückt?“.

Thomas Maul ist Autor des 2006 beim ca-ira-Verlag (Freiburg) erschienenen Buches: „Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger“. Im Rahmen der u.a. vom Zentralrat der Ex-Muslime im Juni 2008 veranstalteten Kritischen Islamkonferenz plädierte er für die kopftuchfreie Schule.

Mittwoch, 8. Oktober 2008, 21.00 Uhr
Kommkino im K4
Königstr. 93 Nürnberg
Eintritt 5€ Ermäßigt 3

Der Iran
Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer

Samstag 14. Juni 2008, 19.30 Uhr
Kulturladen Nord (Kuno)
Wurzelbauerstr. 29, Nürnberg

Es geht um den Protest gegen die Gleichgültigkeit, mit der große Teile der europäischen Öffentlichkeit dem Terror gegen die iranische Bevölkerung und der Vernichtungsdrohung gegen Israel seitens der Teheraner Mullahs begegnen. Wenn der von Adorno formulierte kategorische Imperativ, im Stande der “Unfreiheit”, also in der falschen Gesellschaft, das “Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe”, nicht zum feuilletonistischen Aperçu verkommen soll, so kann man jetzt unmöglich untätig bleiben. Die Gefahr der Aufstockung des iranischen Vernichtungsarsenals mit Nuklearwaffen erfordert eine entschiedene außerparlamentarische Intervention. Die Feindbestimmung des Khomeinismus ähnelt jener des Nationalsozialismus mit seinem Haß auf Bolschewismus, westliche ‘Plutokratie‘ und Judentum. Das Ziel des iranischen Regimes ist eine formierte Gesellschaft, die bereitwillig auf individuelle Freiheit und ökonomischen Wohlstand verzichten soll, um dem Ziel der Einigung der islamischen Umma und der Vernichtung des jüdischen Staates zu dienen. Die Brandrede Ahmadinejads auf der Konferenz The World without Zionism im Oktober 2005, in der er die Auslöschung Israels forderte, war nur ein Ausdruck davon. Dieser Politik wird gerade in den postnazistischen Gesellschaften nicht nur durch Appeasement begegnet, sondern zusehends mit offener Kollaboration, wie sie sich etwa in dem geplanten österreichischen 22 Milliarden-Deal mit dem iranischen Regime manifestiert.

Es spricht Stephan Grigat (Wien), der die Kampagne “Stop the bomb!” (www.stopthebomb.net) mitinitiiert hat und bei Café critique in Wien aktiv ist (www.cafecritique.priv.at). Gemeinsam mit Simone Dinah Hartmann hat er gerade das Buch “Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer” (Studienverlag, Wien) herausgegeben, bei ça ira im letzten Jahr das Buch “Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus” veröffentlicht.

Eine Veranstaltung der AG Kritische Theorie Nürnberg