Die zweite Versammlung der von Wolfgang Schäuble in die Welt gesetzten “Islam-Konferenz” tagte ausgerechnet am 9.November 2006 in der ehemaligen SS-Kaserne (heute: Amt für die Nicht-Anerkennung von Flüchtlingen) an der Nürnberger Frankenstraße. Säkulare Exil-Iraner, Angehörige der Arbeiterkommunistischen Partei Irans, demonstrierten vor dem Gebäude u.a. dagegen, dass Vertreter islamischer Organisationen für sie, als Menschen, die vor dem Islam geflohen sind, sprechen dürfen, weil ihr Herkunftsland ein islamisches ist.

In dem Aufruf hieß es u.a. :

Die Arbeiterkommunistische Partei Irans verurteilt jede Unterstützung des politischen Islams und unterstützt alle, die sich für eine säkulare Gesellschaft und für Meinungsfreiheit einsetzen. Daher stellen wir folgende dringende Forderungen auf:
- Keine staatliche Hilfe für islamische/religiöse Organisationen und Institutionen
- Bekämpfung der Ghettoisierung
- Verbot der Strafmilderung wegen religiöser Zugehörigkeit
- Durchführung besonderer Projekte für den Schutz bedrohter Frauen und Kinder aus islamischen Familien
- Die sofortige Asylanerkennung für Frauen aus islamisch dominierten Ländern
- Verbot des Kopftuches für Kinder
- Verbot des Religionsunterrichts für Kinder

Während die organisierten linken Atheisten, Abschiebungsgegner und selbsternannten Antifaschisten allesamt zuhause bleiben - obwohl sie doch sonst keine Möglichkeit demonstrieren zu gehen auslassen - solidarisierte sich die AG Kritische Theorie selbstverständlich mit den Genossen aus dem Iran. Es folgt die auf der Kundgebung von uns gehaltene Rede:

Gegen den politischen Islam und seine Dialogfreunde

Man könnte meinen es sei für Linke selbstverständlich zu protestieren, wenn Homosexuelle wegen ihrer Sexualität hingerichtet werden, wenn vergewaltigte Frauen, weil sie ihre Peiniger angeblich angestachelt haben, auch noch gesteinigt werden, wenn vermeintlich Ungläubige verfolgt werden oder wenn zur Vernichtung eines anderen Landes mitsamt seiner Bevölkerung aufgerufen wird, ja dieses „Projekt“ sogar noch zur Verwirklichung gedrängt wird. Nichts dergleichen geschah von Seiten der Linken, als der Vizepräsident des Irans anlässlich der WM zu Gast in Nürnberg war. Stattdessen wurde eine Kundgebung der israelitischen Kultusgemeinde, die nicht müde wurde, zu betonen, dass sie sich gegen die iranische Führung – und keineswegs gegen die iranische Bevölkerung richte - auf der der Holocaustüberlebende Arno Hamburger sprach, als „deutschnational“ (1) verunglimpft. Die radikalen Rechten demonstrierten am gleichen Tage für Ahmadinejad unter dem Motto:„Ausländerfeindliche Umtriebe nicht dulden – stoppt Beckstein, Friedmann & Co.!“.
Nun könnte man auf die Idee kommen, es handle sich hierbei ausschließlich um Rechte und Linke Außenseiter, doch beide verhelfen der Mitte der deutschen Gesellschaft zu ihrem eigenen Bewusstsein:

Diese Mitte pflegt seit den ’80er Jahren eine obskure Veranstaltung, die sich „Dialog mit dem Islam“ nennt. Was es eigentlich zu verhandeln gibt mit Anhängern einer religiösen Gemeinschaft – oder sagen wir treffender: einer politischen Ideologie – die selbst in ihren sog. „liberalen“ Kreisen keinerlei Selbstkritik kennt, die Homosexualität verteufelt, die Frauen dafür verantwortlich macht, dass Männer nicht in Wallungen geraten (zu diesem Zwecke dient das Kopftuch), usw. das erklärt uns Innenminister Schäuble, Initiator des neuesten Coups der Dialogfreunde, der „Islamkonferenz“, in der FAZ folgendermaßen:
Zum Wohle aller einbringen wird sich der einzelne, ganz gleich ob Christ oder Muslim, nämlich nur in einem Gemeinwesen, mit dem er sich identifizieren kann.(…) Verfassungspatriotismus als eine Sache der Vernunft reicht eben nicht (…) Wenn wir uns einem Gemeinwesen zugehörig fühlen wollen, dann muss es etwas geben, was uns auf einer tieferen [sic!] menschlichen Ebene miteinander verbindet: auf genau der Ebene auf der auch Religion und Kultur, Werte und Identität angesiedelt sind.“ (zitiert nach Stefan Frank, in Konkret 11/06)
Was Deutsche und Moslems gemeinsam zu verhandeln haben ist also nicht, wie das Leben der Einzelnen nach den Maßstäben der Vernunft zu verbessern oder zu organisieren wäre, sondern im Gegenteil: Man will Erfahrungen darüber austauschen, wie man den Einzelnen mithilfe von Ideologie am besten in die Identität der Gemeinschaft einbinden will: Islamische umma und deutsche Volksgemeinschaft sollen voneinander lernen. Die letzten Reste des Individuums sollen der Gemeinschaft geopfert werden.


Der zweite Mord an Hatun Surücü

Wer den politischen Islam kritisiert, wer gar gegen einen „Dialog mit dem Islam“ polemisiert, der handelt sich schnell den Vorwurf des Rassismus ein. Dabei ist es im Grunde ganz einfach: der politische Islam ist eine Ideologie, seine Anhänger bekennen sich offen dazu und sind dafür angreifbar. Es mag sein, dass Islamkritik in dem einen oder anderen Fall dazu geeignet ist, ordinäre Rassisten zu bestätigen. Doch ist das kein Argument dafür eine regressive Ideologie aus der Kritik zu nehmen, der allein in Deutschland zwischen 1994 und 2004 59 Frauen zum Opfer (2) gefallen sind, weil diese Frauen, so wie Hatun Surücü, in den Augen ihrer Mörder „die Ehre der Familie beschmutzt haben“. Diese Frauen sind ermordet worden, weil sie an eben dieser barbarischen Ideologie des Islam nicht mehr teilhaben wollten bzw. sich nicht mehr von ihr unterdrücken lassen wollten und weil ihnen der Schutz vor ihrer islamischen Community verweigert worden ist. Diese Frauen und Mädchen sind nicht von deutschen Rassisten, sondern von ihren islamischen Brüdern ermordet worden, mit deren ideologischen Stichwortgebern hier und heute ein Dialog geführt wird. Hier und heute sind Hatun und all die anderen Frauen ein zweites Mal ermordet worden.

Wenn ein paar Mohammed-Karikaturen veröffentlicht werden oder wenn in einem Gefängnis der Koran in der Toilette heruntergespült wird, dann reagiert die Gemeinschaft der Moslems in Deutschland stets beleidigt und empört. Es wird gewaltsam dagegen protestiert, dass jemand behauptet, der Islam hätte was mit Gewalt zu tun. Gab es nach dem islamisch motivierten Mord an Hatun Sürücü irgendeine laute und öffentlich geäußerte Empörung unter den Moslems in Deutschland? Gab es nach dem islamisch motivierten Mord an dem islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh irgendeinen Aufschrei? Davon abgesehen, dass es weder die Islamvertreter, noch das deutsche Feuilleton lassen konnte, van Gogh als „Scharfmacher“, oder gar „Rassisten“ post mortem zu denunzieren, blieb beide Male eine öffentliche Empörung aus. Solange sich hier nichts grundlegend ändert, ist die islamische Gemeinschaft in Deutschland unter den Generalverdacht der Komplizenschaft mit den Mördern zu stellen.

In diese Komplizenschaft reihen sich all diejenigen ein, die die bedrohten Frauen ausliefern, indem sie ihre Begeisterung an der „fremden Kultur“ zeigen, die sie nur als naturwüchsiges Kollektiv wahrzunehmen bereit sind und mit der sie in einen „Dialog der Kulturen“ (der mal unter dem Titel „Islamkonferenz“ mal als „Islamwochen“ stattfindet) treten wollen. Die Einzelnen und ihr Leiden sind diesen Multikulturalisten vollkommen egal. Diese Begeisterung für „fremde Kulturen“ entstammt dem tiefen Bedürfnis nach Regression, nach Aufgehen des Einzelnen in der Gemeinschaft, sei es Volksgemeinschaft, umma, oder „Familienbande“. Diese Multikulturalisten wünschen sich die Welt als Ethno-Zoo, in dem „Neger“ Rumbabumba tanzen und gerne schnakeln und Moslems eben Kopftuch tragen, ihre „Familienehre“ gegen die Interessen der einzelnen Familienangehörigen und ihre „Kultur“ gegen die „Zumutungen westlicher Zivilisation“ verteidigen.
Eine solche Ideologie ist einer freien Assoziation von Individuen genau entgegengesetzt:

Einer Welt ohne Herrschaft und Ausbeutung, ohne Unterdrückung und ohne dem Zwang, sich einer „Kultur“ oder einem „Volk“ unterordnen zu müssen, ohne den Zwang zur Identität und zur Aufgabe des Einzelnen zu Gunsten irgendeines Kollektivs. Die AG Kritische Theorie tritt genau für solch eine Welt ein - eine Welt in der Angst und Gewalt nicht mehr durch die falsche Konstitution der Gesellschaft produziert werden.

Bis das der Fall ist, gilt es die letzten Reste des Individuums zu verteidigen, denn nur dort ist das Nichtidentische, die Hoffnung auf ein besseres Leben bewahrt. Dafür steht die Opposition gegen den politischen Islam und gegen völkisches Denken, das den Islam zur Kultur ethnifiziert, weil deutsche Identität sich selbst aus der Idee der naturwüchsigen Gemeinschaft speist. So eine Gemeinschaft bedarf ihres „Anti-Volks“: Für Deutsche und Moslems sind das stets die Juden, oder Menschen, die durch den Wahn „zu Juden gemacht werden“. Es ist der Staat Israel, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, diejenigen vor Vernichtungslagern und Selbstmordattentätern – die beide den selben Zweck, Vernichtung um ihrer selbst willen, verfolgen - zu schützen, die vom völkischen Wahn verfolgt werden. „Die israelische Armee ist der bewaffnete Arm der revolutionären Kritik im Stande ihrer gesellschaftlichen Unmöglichkeit“ (ISF). Israel verteidigt das Leben, während der politische Islam die Losung „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ zum Programm erklärt hat.

Während die Freunde des Dialogs auf der Seite der Gemeinschaft und ihrer mörderischen Vollstrecker stehen, stehen wir auf der anderen Seite: auf der der Einzelnen, die nicht im Zwang zur Identität aufgehen wollen. Es gibt kein Dazwischen. Wer sich nicht entscheiden will, hat sich schon entschieden.

AG Kritische Theorie
Nürnberg, 9. November 2006

(1) „Deutschnational für Israel“ unter http://de.indymedia.org/2006/06/149690.shtml
(2)Zwischen 1994 und 2004 sind mindestens 40 Frauen im Namen der Ehre ermordet worden, weiter sind 19 Mordversuche dokumentiert. Es ist anzunehmen, dass die Zahl der Ehrenmorde in den letzten Jahren massiv angestiegen ist. In den sechs Monaten vor der Ermordung Hatun Surücüs (Februar 2005) wurden alleine in Berlin sieben Ehrenmorde bekannt. Die Dunkelziffer liegt noch wesentlich höher, auch weil „Ehrenmorde“ nicht gesondert in die Kriminalstatistik eingehen. Es gibt also noch nicht mal eine offizielle Statistik.