Als im Sommer 2006 die israelische Armee auf die wiederholten Angriffe von Hamas und Hisbollah, sowie als Reaktion auf die Entführungen israelischer Soldaten in den Gaza-Streifen und den Südlibanon einmarschierte, um denen, die Israel und seine Bewohner vernichten wollen, in ihrer Handlungsfähigkeit einzuschränken, war in ganz Europa das Geschrei des israelkritischen, ergo antisemitischen Pöbels mal wieder groß. Die AG Kritische Theorie unterstützte in dieser Zeit einerseits Gegenaktionen gegen antisemitische Aufmärsche in Nürnberg und Erlangen, organisierte aber andererseits auch gemeinsam mit Freunden Israels aus Nürnberg, Würzburg und Herzogenaurach, als “Bündnis für Israel”, eine eigene Kundgebung in Würzburg.
Am 10.08.2006 fand dann mit ca. 150 Teilnehmern - mehr als je erwartet - die wohl größte Kundgebung für Israel in der Region statt. Dies ist vor allem der Teilnahme der jüdischen Gemeinde aus Würzburg und Erlangen zu verdanken. Hier der von uns dort gehaltene Redebeitrag:
Herzlich willkommen,
in diesem Land und zu dieser Zeit ist es keineswegs selbstverständlich für Israel auf die Straße zu gehen.
Die meisten Leute, aus dem Umfeld des „Bündnis für Israel“ verstehen sich in erster Linie als Kritiker, und zwar in der Tradition der kritischen Theorie.
Und so teilen wir die Auffassung der Denker der kritischen Theorie, dass das „Mitmachen“ zu den Dingen gehört, die eigentlich nicht die Sache des Kritikers sein sollten.
Und doch haben diese Kritiker, in einer bestimmten historischen Situation, nämlich dann, als es das schlimmste zu bekämpfen galt, mitgemacht. Sie haben sich aktiv beteiligt am Kampf der Allierten gegen Nazideutschland und gegen den eliminatorischen Antisemitismus. Die Sympathien dieser Kritiker für Israel sind im Übrigen auch kein Geheimnis und auch wir wollen kein Geheimnis aus unserer Solidarität machen. Gerade weil wir uns als Kritiker der herrschenden Verhältnisse, insbesondere der deutschen, verstehen, gerade weil wir eine staaten- und klassenlose Weltgesellschaft, frei von Angst und Unterdrückung erstreben und weil wir uns als Antifaschisten verstehen, stehen wir heute hier und „machen mit“. Wir ergreifen Partei für einen bürgerlichen, kapitalistischen Staat und seine militärische Selbstverteidigung.
Und auch am 11 Juni dieses Jahres waren schon ein paar von uns in Nürnberg als 400 Menschen gegen die iranische Führung und für Israel demonstrierten. Damals gab es übrigens eine Gegenveranstaltung unter dem Motto: „Ausländerfeindliche Umtriebe nicht dulden – Stoppt Beckstein, Friedman & Co“. Angemeldet wurde diese Veranstaltung von den Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der NPD. Ich möchte das einfach mal als Vorbemerkung so stehen lassen und fortfahren:
Vor 61 Jahren,
am 27.Januar 1945 werden die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz durch die siegreich vorrückende Rote Armee befreit. Vier Monate später muss Deutschland kapitulieren, der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Juden ist beendet. Doch die Welt ist nach Auschwitz nicht mehr die selbe. Auschwitz ist zu einer Welt geworden, in der an Menschen exekutiert wurde, was den Deutschen ihre Deutsche Ideologie ist: Vernichtung als Selbstzweck.
Deutschland zog seine Lehren aus „seiner“ Geschichte. Der Holocaust wird von jetzt an ein Teil deutscher Identität sein. Die Identität eines Massenmörders, der hinter vorgehaltener Hand viel drauf gibt, wenn er unter Seinesgleichen ist. Ein Vermächtnis, für das die Berliner Republik auf ganz eigene Weise Verantwortung tragen möchte. Und auf dessen Monopol sie so eifersüchtig wacht, wie ein Kind über seine Sandförmchen.
Soviel Historisierung war nie. Es freuen sich auch die Mythenerzähler aus der heimischen Film- und Fernsehbranche über das große Bedürfnis der Deutschen nach Vergangenheitsbewältigung. Gigantisch waren die Anstrengungen, den eigenen Gräueltaten ein Mahnmal zu stiften. Wo das Denken (respektive Erinnern) abgewehrt wird, dort steht Geschichte als Monumentaldekor.
Im Laufe der Pazifisierung Deutschlands wurde viel der Befreiung gedacht: der Befreiung von der eigenen Geschichte. „Nie wieder!“ hieß die Losung, mit der die Rot-Grüne Bundesregierung mit ihren ehemaligen Straßenkämpfern und zukünftigen Friedenskanzlern an vorderster Front Deutschland mit seiner Geschichte versöhnte. Diese Versöhnung manifestierte sich in den Bomben auf Belgrad und in der ideologischen Verteidigung Saddam Husseins gegen den Krieg der Amerikaner und ihrer Verbündeten.
Vor 58 Jahren,
am 14.Mai 1948, wurde der Staat Israel gegründet. Um ein „Nie wieder!“ kümmert sich der junge Staat auf seine eigene, verlässliche und pragmatische Weise. So tief und schrecklich die Erfahrungen sind, derer sich die Juden erinnern, so fest und leidenschaftlich ist auch ihr Wille zu leben. Leben in menschenwürdigen Verhältnissen erst ist es wert Leben genannt zu werden. Für dieses Leben die Voraussetzungen zu ermöglichen und einen säkularen Staat zu schaffen, der allen vom Antisemitismus bedrohten Menschen weltweit Schutz bieten will, ist das Versprechen und die Kontinuität des jüdischen Staates, während ein großer Teil der restlichen Welt das Erbe des nazistischen Nihilismus anzutreten sich anschickt.
Israel ist der Wirklichkeit gewordene Ausdruck des unbedingten Willens zum Leben, der seit der Gründung dieses Staates, ohne hinter zivilisatorische Mindeststandards zurückzufallen, effektiv verteidigt wird und werden muss.
Ein Staat, der seit seinem Bestehen mit islamischen Nachbarstaaten und Volksgruppen – wie den sogenannten Palästinensern – fast ununterbrochen im Kriegszustand sich befindet, ohne die bürgerliche Verfassung repressiv gegen die eigene Bevölkerung aufzuheben. Wer denkt, dass das Leben und Überleben von Menschen nicht mit antifaschistischem Sperrzaun und effektiven Waffen gegen islamischen Terror zu verteidigen ist, wer sich als Pazifist den Frieden mit den barbarischen Zuständen ersehnt, die seit mehr als 60 Jahren keine lokal beschränkten mehr sind, der wünscht sich für die Welt und die gesamte Menschheit jene Friedhofsruhe, die in ihm selbst schon längst vorherrscht.
Wer dagegen Israel begriffen hat, der hat die Idee von universellen und individuellen Menschen noch nicht aufgegeben, der ist noch fähig über die Verhältnisse hinaus zu denken:
Auf dass die Gesellschaft eine Assoziation von frei verkehrenden Individuen wird, die den Zwang, unter der Fuchtel des abstrakten Kapitalverhältnisses und seiner politischen Entsprechung in der Herrschaft von Menschen über Menschen dahin vegetieren zu müssen, abgestreift hat.
Vor 5 Jahren,
am 11. September 2001, findet die bislang größte planmäßige Vernichtungsaktion seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges statt. Matthias Küntzel brachte den antisemitischen Wahn der Attentäter auf den Punkt: „Der Wahn der Islamisten generiert einen anti-jüdischen Krieg, in welchem nicht nur alles Jüdische als böse, sondern zugleich alles Böse als jüdisch halluziniert wird“. (Matthias Küntzel, „Djihad und Judenhass“)
Was bislang – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ein territorial begrenzter Vernichtungskrieg der Djihadisten gegen Israel war, entwickelt sich ab diesem Tag zu einer weltweiten Intifada gegen alles und jeden, der den Willen zu leben hat. Stationen dieses totalen Krieges sind Djerba, Beslan, Istanbul, Madrid und London. Jener Nihilismus, den die deutsche Ideologie gebar, schließt aus den falschen gesellschaftlichen Verhältnissen auf die Sinn- und Nutzlosigkeit der Individuen im Kapitalismus. Affirmiert wird dieser barbarische Zustand in der Krise in der Ontologie vom „Dasein zum Tode“, wie es Heidegger propagierte. Mittel und Zweck des islamischen Terrors beziehen sich hierauf:
Auf die Vernichtung um ihrer selbst willen, die eigene Vernichtung mit eingeschlossen, wie es die Aktionsform des „Suicide bombings“ deutlich macht. Der Vernichtungswahn ist die größtmögliche Einverständniserklärung mit Gewaltverhältnissen, in denen Menschen eben nicht ohne Angst anders sein können, weil alle individuellen Unterschiede, alle Besonderheiten in der abstrakten Gleichheit nivelliert werden. Alles was im Identischen, im schlechten Allgemeinen nicht aufgeht – was sich dem Zwang zur Vereinheitlichung sperrt - personifiziert der Antisemit im Juden und gilt jenen Mörderbanden als Angriff auf ihre „Kultur“ oder Religion, auf den laut dem grünen Buch der „Djihad“ zu führen sei.
Was den Antisemiten ausmacht, ist, dass er die angeblich „heile Welt“ kultureller Identitäten von dämonischen Übermächten bedroht sieht. Dabei ist es egal, ob die „Bedrohung“ von der Existenz eines jüdischen Staates auf „arabischem Boden“ ausgeht, ob „der Jude“ die Homogenität des „deutschen Volkskörpers“ oder der „amerikanische Kulturimperialismus“ die Rückständigkeit irgendwelcher Völker bedroht, oder ob „Heuschrecken“ dafür verantwortlich gemacht werden, dass Kapitalismus nun mal Ausbeutung und Unterdrückung bedeutet.
In solchen Ressentiments drückt sich wiederum das Unvermögen zur Kritik der abstrakten Herrschaftsverhältnisse, so wie auch die Einverständniserklärung in der autoritären Unterwerfung aus, die das Kapitalverhältnis nicht abschaffen will. Im totalen Vernichtungsakt – in der barbarischen negativen Aufhebung des Kapitals auf seiner eigenen Grundlage – kommt der Wahn zu seinem immanenten Telos. Was sich diesem Telos sperrt, muss aus der inneren Logik heraus vernichtet werden. Was Suicide Bomber gegen Israel und die restliche westliche Welt mit Beharrlichkeit vollstrecken, kann mit der Atombombe eines Mullah-Regimes ohne Rassegesetze und Vernichtungslager zur objektiven Tatsache werden. Die größte Garantiemacht, dass es dazu kommen kann, ist das alte Europa und seine linke Avantgarde. In der permanenten Rationalisierung des islamischen Terrors als Verzweiflungstaten übertreffen die Linken ihre ostdeutschen Sozialpädagogikkollegen von der akzeptierenden Jugendarbeit mit rechtsextremen Jugendlichen in Ekelhaftigkeit um ein weites.
Seit dem 12. Juli 2006 herrscht offener Krieg im Nahen Osten und es ist, wie es immer ist, wenn es um Israel geht:
Die europäische Öffentlichkeit, die UNO und all die anderen selbsternannten „Freunde des Friedens“ stehen auf der Seite der Feinde Israels und zählen die von der Hizbollah erlogenen Zahlen ziviler Opfer durch israelische „Angriffe“. Sie betreiben die Kumpanei mit den Mörderbanden, indem sie von Israel einen sofortigen Waffenstillstand fordern und fordern ausgrechnet mit denen Frieden zu schließen, die Israel vernichten wollen.
Es ist die Minimalvorraussetzung für einen Frieden, die Hizbollah, die Hamas, den Iran, Syrien und alle anderen, die Israel vernichten wollen, soweit zu schwächen, dass sie nie wieder die Möglichkeit haben, auch nur einen einzigen Menschen töten zu können. Dieses „Nie wieder“ ist das selbe, das ich eingangs erwähnt habe: Der Fluchtpunkt israelischer Politik.
Ich zitiere den Präsidenten des Holocaust Museums in Yad Vashem, Tommi Lapid:
„Wenn Sie verstehen wollen, was in den Israelis vorgeht, dann müssen Sie verstehen, dass wir keine Risiken eingehen können. Es gab 6 Millionen Tote in Auschwitz. Jetzt leben 6 Millionen Menschen in Israel. Der Präsident des Iran hat versprochen, uns zu vernichten. Und die Hizbollah hat dies versprochen. Und die Hamas. Wenn dies geschieht, dann werden Sie ein Problem haben, in Berlins Zentrum noch einmal einen solch großen Platz zu finden, wie sie ihn für das Holocaust Mahnmal haben“.
„Wir lieben den Tod, ihr liebt das Leben“ – so oder so ähnlich lauten die Sprüche der Suicide bomber, deren Ziel es ist, so viele vermeintliche Juden wie möglich zu töten. Alle, die das Leben lieben und diese Welt zu einem lebenswerterem Ort machen möchten, sollten eine deutliche Absage an jegliche Forderungen eines Dialoges mit diesen Mörderbanden und ihren Unterstützern machen.
Wer an Adornos kategorischem Imperativ, „Denken und Handeln so einzurichten, dass sich Auschwitz nicht wiederhole“, festhalten möchte, der hat an der Seite Israels und derjenigen zu stehen, die dem islamischen Terror tatsächlich den Kampf angesagt haben.
Wir fordern:
Keine Toleranz und keine finanzielle Unterstützung für Antisemiten und Antizionisten!
Kein Dialog mit dem Iran, der Hizbollah, der Hamas oder sonstigen Feinden des individuellen Glücksversprechens.
Dialoge können gerne geführt werden, aber bitte mit jenen demokratischen und liberalen Kräften des Nahen Ostens, die sich gegen den politischen Islam und für Gleichberechtigung der Geschlechter, freie Wahl der Sexualpartner, usw. stark machen.
Diese Kräfte werden im übrigen durch den Kampf Israels gegen die Hamas und die Hizbollah gestärkt.
Wir demonstrieren für Israel und geben unserer Hoffnung Ausdruck, dass dieser Krieg bald erfolgreich beendet wird, dabei möglichst geringe Verluste an Zivilisten auf beiden Seiten zu beklagen sein werden und möglichst wenige Soldaten der israelischen Armee ihr Leben lassen müssen.
Lang lebe Israel! Am Israel Chai!
AG Kritische Theorie
Würzburg, 10.08.2006

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