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Freiburg/Nürnberg, den 24. November 2008

Presseerklärung des ça ira-Verlags und der AG Kritische Theorie zum Ausschluß aus der Linken Literaturmesse Nürnberg am 16. 11. 2008

Oder:

Die Herrschaft der Kolportage


Ein neo-stalinistischer Putsch gegen die linke Gegenöffentlichkeit


Seit vielen Jahren nimmt der ça ira-Verlag an der seit 1996 in Nürnberg stattfindenden Linken Literaturmesse teil, die vom Metroproletan-Archiv und dem Gostenhofener Literatur- und Kulturverein Libresso im „K4“ ausgerichtet wird, in diesem November unter dem Motto „Alternativ zum kapitalistischen Mainstream“. In einer recht gut besuchten Diskussionsveranstaltung präsentierte Fabian Kettner den Sammelband „Theorie als Kritik“, den er mit Paul Mentz (beide Rote Ruhr-Uni, Bochum) herausgegeben hat; im letzten Jahr stellten Joachim Bruhn und Jan Gerber das Buch „Rote Armee Fiktion“ vor.

Bis 2007 wurde der ça ira-Verlag von der Mehrheit der ca. fünfzig Aussteller zwar nicht gerade heiß und innig geliebt, aber zumindest geduldet – und mehr war wohl auch nie zu erwarten, vertritt doch unser Verlagsprogramm mit Autoren wie Johannes Agnoli, Hans-Georg Backhaus und Moishe Postone eine subversive Kritik in der Tradition der Kritischen Theorie Frankfurter Machart, d.h. den Versuch der Synthese einer avantgardistischen Marx-Lektüre jenseits von Sozialdemokratie und Stalinismus mit polemischer Sozialkritik und Aufklärung über den Antisemitismus, auch und gerade in seiner Spielart des Antizionismus von Links. Dafür interessierte sich zwar ein (für unsere kleinen Verhältnisse) ansehnlicher Teil des Publikums, nicht aber die Mehrheit der Aussteller und der Organisatoren.

Das verwundert nicht: denn „alternativ zum kapitalistischen Mainstream“, das bedeutete in Nürnberg immer schon, ein Gruselkabinett der neo-stalinistischen Antike auszustellen. Das Beste an der Linken Literaturmesse waren stets die Antiquariate. Der Rest: all die Maoisten, linksverwirrten Sozialdemokraten, Operaisten, Ernst Thälmann-, Walter Ulbricht- und Josef W. Stalin-Trauervereine, dazu die Enver Hodscha-Anhänger, die Befreiungsnationalisten aller Fraktionen, all die leidenschaftlichen AgitProp-Vereine gegen Heuschreckenplagen, für Tierschutz und jedenfalls und immer vorwärts (oder: rückwärts) gegen Israel – dazwischen, als Platzhalter revolutionärer Restvernunft, einige wenige traurige Anarchisten und die Marxisten-Sophisten der Gruppe Gegenstandpunkt, dazu Graswurzel-Revolutionäre, DKP-Funktionäre, ein paar Trotzkisten, und nicht zu vergessen die Kollegen von der Internationalen Kommunistischen Strömung, bei denen man die Schriften des KPI-Mitbegründers Amadeo Bordiga erwerben kann, insbesondere dessen Traktat „Auschwitz oder das große Alibi der Bourgeoisie“, einen Grundlagentext der Holocaust-Leugnung von links. Diesem Gruselkabinett präsidiert, gewissermaßen als ihre ideelle Gesamt-Journaille, die Berliner Tageszeitung „Junge Welt“.

Das war und ist die Linke Literaturmesse. Und es war schön und gut so, wie es war. Denn in Nürnberg konnte man im Recycling-Hof der Linksgeschichte stöbern und einmal im Jahr einen Blick werfen in einen Abgrund der Gegenaufklärung, der seinesgleichen sucht.
Dann schlug das Betriebsklima um. Denn wenn es zwei Programmpunkte gibt, an denen sich die bestimmte Einheit dieser grausigen Vielfalt ergibt, dann sind das erstens der Haß auf Israel und den Zionismus, zweitens die – natürlich: kritisch-solidarische – Apologie der Roten Arme Fraktion. Wer das aus Gründen nicht mitmachen mag, wurde schon immer als „Antideutscher“, d.h. als Volksfeind, geächtet und denunziert. ça ira war unter diesen Krähen, die einander kein Auge aushacken, der Paradiesvogel – anders gesagt: der Hofnarr. Uns war es recht, und der Umsatz war gut, eine Art Weihnachtsgeld und 13. Monatsgehalt für 1 €-Verleger.

Unser Buch jedoch über die „Rote Armee Fiktion“ war der berühmte Tropfen, der die linke Gegenöffentlichkeit zum Überlaufen brachte. Schon im letzten Jahr befand die „Junge Welt“ in ihrer Ausgabe vom 17.12.2007, das Buch bringe nichts als „antideutsches RAF-Bashing“ und sprenge damit den „Rahmen des linken Pluralismus und der Streitkultur“ – obwohl Mitherausgeber Jan Gerber in seinem Beitrag „Schalom und Napalm. Die Stadtguerilla als Avantgarde des Antizionismus“ lediglich akribisch nachgewiesen hatte, wie sich das bewaffnete Linksdeutschland zum guten Gewissen beim Judenhaß verholfen hatte; unsere Gegendarstellung in Form eines Leserbriefs wurde links liegen gelassen, seitdem forderte das nationalbolschewistische Lager unter der Leitung der „Jungen Welt“ unseren Ausschluß und stellte absurde Ultimaten.

Mit unserem Ausschluß aus der Linken Literaturmesse, den die „Junge Welt“ vom 17.11.2008 vermeldete, erreicht diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Dieser Artikel von Peter Wolter – „Rote Karte für ça ira. Mit dem Ausschluß eines antideutschen Verlags endete die 13. Linke Literaturmesse“ – ist, wie der letztjährige von Claudia Wangerin, ein Meisterwerk aus Prawda und Kolportage:

„Mit einem klaren Beschluß der Mehrheit aller Aussteller endete am Sonntag die 13. Linke Literaturmesse in Nürnberg: Der Verlag »ça ira« wird künftig ausgeschlossen. Die anderen Verlage wollen es sich und ihrem Publikum nicht länger zumuten, daß auf dem Messestand von »ça ira« die »antideutsche« Zeitschrift Bahamas ausliegt. Sie empfinden es auch als unverfroren, wie leichtfertig anderen Linken in Veranstaltungen und Publikationen dieses Verlages Antisemitismus vorgeworfen wird. Die Aussage, die RAF sei »der verlängerte Arm der SS« gewesen, sei nach einhelliger Meinung der Höhepunkt der Geschichtsklitterung gewesen. Im Vorfeld der Messe war »ça ira« darüber hinaus unverhohlene Sympathie für einen Krieg gegen den Iran vorgeworfen worden.“

Dazu stellen wir fest:

  1. Von einem „klaren Beschluß der Mehrheit aller Aussteller“ kann überhaupt gar nicht die Rede sein. Auf der Messe sind, wie die „Junge Welt“ selbst im weiteren berichtet, „etwa 50 Verlage“ vertreten gewesen – die beschlußfassende Versammlung bestand aus 15 Personen, vor denen sich unsere Genossen von der AG Kritische Theorie Nürnberg, die den ça ira-Messestand betreuten, rechtfertigen sollten, als sei’s ein Revolutionstribunal. Davon enthielten sich zwei, gegen den Ausschluß stimmten der Vertreter des anarchistischen AV-Verlags, eine weitere Person, sowie die Vertreter der AG Kritischen Theorie und des ça ira Verlages. Die „Mehrheit aller Aussteller“ bestand aus 8 Personen. Das ganze Theater war daher nur ein neo-stalinistischer Putsch gegen die Idee einer linken Gegenöffentlichkeit unter der Ägide der „Jungen Welt“. Man wird sehen, was die „Mehrheit aller Aussteller“ von derlei Intrigantenstadl halten wird.
  2. Der Satz, die RAF sei „der verlängerte Arm der SS“ gewesen, der Joachim Bruhn und Jan Gerber unterstellt wird, ist die freie Erfindung der „Jungen Welt“, die wir hiermit zur Berichtigung auffordern.
    Denn dieser Satz findet sich weder in dem Buch „Rote Armee Fiktion“, noch wurde er vor einem Jahr bei der 12. Literaturmesse geäußert. Der komplette Mitschnitt dieser Veranstaltung vom 15.12.2007 steht zum Download auf der ça ira-WebSite unter http://www.ca-ira.net/res/lili-07.mp3 zur Verfügung.
    Der tatsächliche Sachverhalt – worin zugleich der Grund für die Fälschung durch die „Junge Welt“ liegt – ist vielmehr dieser: Es wurde im Zusammenhang der Entwicklung Horst Mahlers vom Mitbegründer der RAF zum Neo-Faschisten nach dem Stellenwert von Antizionismus und Antisemitismus, von Judenhaß und sog. ‚legitimer Israelkritik’ gefragt und gezeigt, daß hierin die fatale deutsche Kontinuität liegt. Es wurde sodann aus einem Traktat Mahlers zur damals tosenden Debatte um Christian Klars Freilassung zitiert. Darin heißt es:

    „Nach dem Ende der Studentenbewegung [standen] zwei Nachfolgeorganisationen an[…]: ein Theorie-SDS und ein Waffen-SDS..“
    (20. 4. 2007 (!) xxx.deutsches-kolleg.org/erklaerungen/raf.html „Soll die RAF die BRD-Terroristen begnadigen?“)

    Hier haben die Kolporteure offenkundig „Waffen-SS“ statt „Waffen-SDS“ verstanden und sodann den Herausgebern der „Rote Arme Fiktion“ unterschoben. Es ist dies ihre Projektion, die allerdings so grundlos nicht ist, denn Mahler fährt fort:

    „Während in den Formationen des Theorie-SDS die Denkungsart der mitteldeutschen Revolutionäre und damit die gesamtdeutsche Perspektive bestimmend blieb, verengte sich die Sicht im Waffen-SDS, der dann als RAF bekannt geworden ist. Bestimmt wurde diese Sichtweise von der Nazi-Kinder-Fraktion aus den gehobenen Kreisen der BRD, die an wichtigen Einflußstellen in Wirtschaft und Politik mit der westlichen Besatzungsmacht kollaborierten. Die RAF war der bewaffnete Aufstand der Kinder der westdeutschen Kollaborateure.“

    So ist, durch nichts als Projektion und Kolportage, binnen eines Jahres aus dem „antideutschen RAF-Bashing“ von 2007, die Denunziation von 2008 geworden, mit der unser Ausschluß aus der Literaturmesse begründet werden soll.

    Aus Horst Mahler hörte die „Junge Welt“ sich selbst heraus, darum mußte sie dessen steile Behauptung abspalten, verleugnen und verdrängen und den „Antideutschen“ zuschreiben. Der Antisemitismus und – in Gestalt des Antizionismus – der Haß auf Israel ist es, was Mahler, den RAF-Begründer, mit Mahler, dem Nazi, und mit der Chef-Redaktion der „Jungen Welt“ eint und verbindet.

    Abgespalten werden muß die Aussage Ulrike Meinhofs im Prozeß gegen Mahler 1972:

    „Ohne daß wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen – denn die Leute haben ja wirklich nicht gewußt, was in den KZ vor sich ging – können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren.“

    Die RAF war bewaffnete Holocaust-Verharmlosung, und das Bild, das sie sich vom Antisemitismus machte, war danach, d.h. lag ganz auf der Generallinie von August Bebel bis zu Josef Stalin, ernährte sich von der nach Auschwitz endgültig irrsinnigen These, der Antisemitismus sei eine ihrer selbst unbewußte Revoltenenergie, speiste sich aus der Behauptung vom „Sozialismus der dummen Kerle“, der auf seine wundersame Erweckung und mildtätige Führung durch die Revolutionäre der „Jungen Welt“ wartet. So schon Ulrike Meinhof vor Gericht:

    „Der manipulierte Antisemitismus während des Hitler-Faschismus war seinem Wesen nach gegen die Banken, die Geldsäcke, die Raffer gerichtet, nur mit dem falschen Bewußtsein. (…) In diesem Antisemitismus, der in das Volk reinmanipuliert worden ist, war die Sehnsucht nach dem Kommunismus …“

    Die „Junge Welt“ und das Revolutionstribunal der Linken Literaturmesse wollen diesen Zusammenhang unsichtbar machen, um in ihrer Stimmungsmache gegen Israel fortfahren zu können, um immer wieder aufs Neue die Legende zu kolportieren, der Antisemitismus sei das eine, der Antizionismus das ganz, ganz andere und schon gleich die halbe Revolution. Darum sind sie immer so gereizt, wenn darauf die Rede kommt. So gerät selbst noch Jutta Ditfurth ins Visier, deren im rechtsbürgerlichen Ullstein-Verlag erschienener Kolportageschmöker „Ulrike Meinhof. Die Biographie“ ansonsten sehr goutiert und im jW-Shop zum Verkauf angeboten wird. Einmal auf den 480 Seiten ihrer Kolportage („Unter der Bettdecke flüsterte Andreas zärtlich mit Gudrun.“) kommt selbst sie nicht umhin, die Ausfälligkeiten der Meinhof gegen den „Moshe Dayan-Faschismus“ zu erwähnen – prompt handelte sie sich den Vorwurf des jW-Rezensenten ein, „leider“ fehle „in diesem Buch auch nicht das Ditfurthsche Steckenpferd – der Antisemitismus“ (Ron Augustin, Privatperson im Kollektiv, junge Welt vom 12. 12. 2007). Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen: der Antisemitismus, das „Ditfurthsche Steckenpferd.“

  3. Auf die profilneurotische Bloggerszene, die sich derzeit auch bezüglich der hier verhandelten Thematik austobt, gehen wir normalerweise schon aus Prinzip nicht ein. Auf einem sog. „redblog“ äußert sich aber einer, der offensichtlich während der „peinlichen Befragung“ anwesend war, und behauptet:

    „Auf dem Plenum gab der Vertreter des Freiburger Verlages zu verstehen, daß es »gute« (Westen) und »böse« (Iran) Atombomben gäbe.“ ( http://redblog.twoday.net/20081118 )

    Mehr als einmal wurde unsererseits eingewandt, daß Atomwaffen generell ein Ausdruck irrationaler Verhältnisse seien. Das Differenzieren zwischen versch. Atommächten, wurde hier schlichtweg in ein Affimieren bestimmter Atombomben umgelogen. Da man allerdings davon ausgehen muss, daß der Verfasser seine Lüge auch noch selbst glaubt, bleibt unsererseits nur noch Ratlosigkeit gegenüber einem solchen Verlust jedes Verhältnisses zur Realität. (Was dann wiederum stellvertretend für einen Großteil der sog. Blogger stehen dürfte.)

  4. und letztens: Selbstverständlich nehmen wir für uns das „Recht“ in Anspruch, die Zeitschrift
    „Bahamas“ an unserem Messestand auszulegen und zu verkaufen.
    Wir möchten natürlich gerade den Leuten, die inhaltlich an der Bahamas und ihren Texten etwas auszusetzen haben, die Gelegenheit bieten, die Zeitschrift an unserem Strand käuflich zu erwerben, um in aller Ruhe die „inkriminierten“ Texte oder Aussagen – erst einmal – zu lesen; damit wäre schon viel gewonnen.
    „Die Kritik ist der Kopf der Leidenschaft“, schreibt Marx irgendwo, und man kann ganz sicher sein, daß kein „Bahamas“-Redakteur jemals der Ditfurth ihr „Steckenpferd“ vorwerfen wird. Daß die Kritik doch wohl oft ins Schwarze trifft, läßt sich aus der Heftigkeit der Reaktionen schließen. Jedes Hantieren mit Denunziationen und Beschimpfungen zeigt nur umso mehr die Unfähigkeit und den Unwillen, sich mit der Kritik auseinander zu setzen, welche die Bahamas regelmäßig und mit großer Sorgfalt veröffentlicht. Das sich ständig beleidigt Fühlen jener berufsmäßigen Feinde der Bahamas agiert nach dem projektiven Modus der „verfolgenden Unschuld“.
    Der Antizionismus und der Haß auf Israel, den die „junge Welt“ schürt, zeugen allerdings nicht einmal von einer „Leidenschaft des Kopfes“, sondern von den ordinären Machenschaften der Linksdeutschen.

Wir fordern daher:

  1. Berichtigung und Entschuldigung durch die Redaktion der „jungen Welt“.
  2. Rücknahme des Ausschlusses von der nächstjährigen Linken Literaturmesse durch die Veranstalter bzw. Bestätigung der Resultate des neo-stalinistischen Putsches gegen auch nur die Idee einer linken Öffentlichkeit durch die tatsächliche Mehrheit der dort vertretenen Verlage.
  3. Weihnachtsgeld bzw. 13. Monatsgehalt auch für die 1 €-Verleger von ça ira!

Nachtrag:

Hier kann ein Interview mit Joachim Bruhn (ça ira Verlag) und Norbert (AG Kritische Theorie) runtergeladen werden.

“Wenn ich verzweifelt bin, was geht‘s mich an?”
Theorie als Kritik

Vortrag von Fabian Kettner

Theorie und Praxis sind auseinander, der Faden ist gerissen. Wären sie es nicht, könnte man sich nicht das Problem ihrer “Vermittlung” stellen. Dies bedeutet für die willigen Revolutionäre im Wartestand eine schier ewige Situation, in der man nicht weiß, was man tun soll. Theorie, das sei das, was der Kopf macht, wenn er die Ungerechtigkeit des Bestehenden erkennt, anderen begreiflich macht und eine folgerichtige Utopie entwirft. Praxis, das sei das, was die Hand macht, wenn diese Ungerechtigkeit abgeschafft werden soll, indem sie eine Barrikade errichtet; ist das, was die Beine machen, wenn sie den theorieschweren Kopf und den Rest des Körpers vor der Polizei in Sicherheit bringen, wenn die Barrikade sich wieder mal als Abenteuerspielplatz für junge Erwachsene herausgestellt hat. Das Verhältnis beider zueinander könnte so schön sein: der Kopf denkt aus und leitet an, die Extremitäten führen aus. Jeder ist so seine eigene Fabrik: Ingenieursbüro und Werkbank in einem. Aber die Theorie nervt, kritisiert die Praxis, und die Praxis wirft der Theorie Faul- und Feigheit vor. Theorie wirkt als Besinnung und entschleunigt. Ihre Weigerung gegen das Werkeln an dem, was ansteht, was man vorgesetzt bekommt, sich vorsetzen läßt, hemmt Praxis; soviel ist richtig und soviel ist gut an ihr. Der Zwitter der Konstruktion “theoretische Praxis” soll das schlechte Gewissen der Theoretiker beruhigen. Die Theorie hat recht und das, was Praxis entbehrt, und ihr mangelt das, was Praxis ist; aber sie führt zu nichts, außer vielleicht dazu, damit aufzuhören, weiterhin das Falsche zu tun. Sie macht nicht glücklich, aber dazu ist sie auch nicht da.

Fabian Kettner (Köln) ist Mitherausgeber des gerade bei ça ira erschienenen Buches “Theorie als Kritik”. Er ist Mitglied des Arbeitskreises Rote Ruhr-Uni (www.rote-ruhr-uni.com) sowie des Instituts für Sozialtheorie (www.sozialtheorie.de) und promoviert über den Nicht-/Zusammenhang von Holocaust und Moderne.

Samstag, 15. November 2008, 17.00 Uhr
Glasbau, K4
Königstr. 93, Nürnberg
im Rahmen der Linken Literaturmesse

Kalkül und Wahn, Vertrauen und Gewalt
Vor dem Ausnahmezustand des Kapitals

Vortrag von Joachim Bruhn

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.
Gleichwohl: Die Gesellschaft der totalen Konkurrenz ist in heller Panik,
sie wird sich zersetzen und zerstören. Unmöglich noch kann sie die
Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Existenz aus sich selbst heraus
reproduzieren: der vollendet autistische Selbstbezug des Kapitals, die
losgelassene Akkumulation um der Akkumulation willen, die „Plusmacherei“
(Marx) rutscht ins historische Minus, zerbricht an sich und eben daran,
daß die Gesellschaftlichkeit der Individuen als Subjekte bloß auf dem
generalisierten Ausschluß aller durch alle gründet, der, eben in den
Formen von Wert, Geld, Kapital den totalen Einschluß stiftet, d.h.: die
gesellschaftliche Synthesis als vollendet negative. Das ist gewiß paradox:
die unbedingte gesellschaftliche Einheit in der Form des totalisierten
Atomismus; ein Paradox jedoch, das im Geld dingliche Gewalt annimmt und
als „logisches Rätsel“ (FAZ) erscheint. In der Panik wird sich die falsche
Gesellschaft ihres eigenen Widersinns inne, allerdings in einer nur noch
verrückteren Form, einer Form, die das bankrotte Kalkül der Ökonomie
vermittels des Wahns der Politik zu therapieren verspricht, tatsächlich zu
überbieten sucht: der Form eines paranoiden Souveräns, der den Triumph des
Willens über den kapitalen Sachzwang beschwört und so gerade die Angst vor
dem Chaos schürt, darin die Flucht nach vorn anpeitscht und so auf den
autoritären Staat provoziert, auf den Ausnahmezustand, d.h. auf die
ursprünglich faschistische Situation: denn nichts anderes ist der „Preis
des Marktes“ als das politisch, vermittels des Gewaltmonopols auf Leben
und Tod erzwungene Opfer der Individuen.

Joachim Bruhn (Initiative Sozialistisches Forum, Freiburg) hat zuletzt mit Jan Gerber das Buch „Rote Armee Fiktion“ herausgegeben (ça ira: 2007), demnächst erscheint von ihm „Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation“ (ça ira: Winter 2008).
Weitere Texte der ISF zur Krise auf der WebSite des ça ira-verlags www.isf-freiburg.org

Montag 24.11. um 19.30 Uhr
Nachbarschaftshaus Gostenhof – Kleiner Saal
Adam-Klein-Straße 6 – 90429 Nürnber
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