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Der Stoff aus dem die Alpträume sind

Das „Burka-Plakat“ als Ausdruck repressiver Toleranz

Vortrag und Diskussion von und mit Tobias Ertl (AG Kritische Theorie) und Mina Ahadi (Zentralrat der Ex-Muslime), Moderation: Norbert Zlöbl (Pólemos)

Heftig und kurz war die Aufregung über eine Plakataktion dieser Stadt zu Beginn des Jahres, mit der Menschen aus aller Welt in Nürnberg willkommen geheißen werden sollten. Das sogenannte „Burka-Plakat“ sorgte für Aufregung bis in die Bundeshauptstadt Berlin. Heftig war die Empörung der autochthonen Bevölkerung Nürnbergs nicht darüber, was dieses Plakat zeigt und damit affirmiert: eine vollverschleierte Frau im Hidschab, welche die Mitte eines ethno-kitsch Ensembles in der Illustration einnahm, sondern über die zwar spärliche aber, doch vehemente Kritik an dieser Karikatur von Menschen, welche das Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument der Verschleierung auch offen als das benannten was es eben ist: menschenverachtend. Kritik an dieser Kampange stieß auf Seiten der Fans des Plakates und der notorischen Aktiv-Bürger auf Verwunderung und völliges Unverständnis. Die Nürnberger wollten sich ihre „guten Absichten“ nicht madig machen lassen. Trotzig bis pampig bestand der „Nürnberger an sich“ auf seine „Weltoffenheit und Toleranz“ – auch gegenüber den Praktiken der Islamfaschisten. Man wollte – infantil und frühvergreist – an der Auffassung festhalten, dass nicht das konkrete Individuum wichtig ist, sondern die vielen Kulturen, die es zu schützen gälte, egal was den Individuen in diesen Kulturen widerfährt. Kurz war die Aufregung wiederum, weil nach mehreren ungefragten und unkonventionellen Volksabstimmungsaktionen für das Burka-Plakat der OB Maly das letzte Machtwort sprach: Das Plakat soll bis zum Sommer hängen bleiben.
Auch wenn das Plakat inzwischen kaum noch in den städtischen Schaukästen hängt, ist dieses Thema für uns noch nicht gegessen. Zu offenbar wurde darin zum Ausdruck gebracht, was von Nürnbergern in Sachen kritisches Bewusstsein und politisches Urteilsvermögen zu erwarten ist. Zu kritisieren wäre eine solche Plakatkampagne nicht als unerhörte Entgleisung, als politischer Skandal, der ebenso politisch zu korrigieren sei, sondern als konsequenter Ausdruck eines deutschen Selbstverständnisses, das – von ganz links bis ganz rechts – statt Menschen nur noch Kulturen und Völker sieht und dem der Islam als Erlöser für die ureigensten Sehnsüchte gilt, als das Idealbild einer Gemeinschaft, die man für sich selbst gerne verwirklicht sähe.

Zu dem Vortrag und zur anschließenden Diskussion sind Sie herzlich eingeladen.

Donnerstag, 07.Mai 2009

19.30 Uhr, DGB-Haus, 7.Stock,

Raum „Burgblick“, Kornmarkt 5-7, Nürnberg
Eintritt frei

Nachtrag: Folgender Kommentar hat uns erreicht, allerdings ist der Moderator dieser Seite aus technischen Gründen verhindert und der Ersatz-Moderator unfähig. Da er uns veröffentlichungswürdig erscheint,  steht er jetzt hier:

Liebe Verantwortlichen von Blog kritischetheorie,

zur Veranstaltung am 7. Mai im DGB-Haus
betreffend das Burka-Plakat der Stadt Nürnberg
hier ein Text mit Hintergrundinformation, der
einen Durchklick zur Unterschriftenaktion
gegen das genannte Burkaplakat
enthält.
http://burkaplakat.wordpress.com/

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Drogen und Gesundheit

Healthy Body – Sick Mind

Über Drogenpolitik und Gesundheitswahn

Vortrag von Lars Quadfasel

Während der Gebrauch von berauschenden Genussmitteln in zunehmendem Maße verboten oder eingeschränkt wird, boomt der Markt an Medikamenten, die die beschädigten Subjekte wieder leistungsfähig machen sollen. Die Buchläden sind überfüllt mit Gesundheitsratgebern, die Straßen mit Joggern. Fettfreier Yoghurt und Ampelfarben auf Ernährungsprodukten sorgen dafür, dass die bewusstlosen Subjekte sich auch bewusst ernähren. Mit der Renaissance des gesunden Lebens einhergehender Vitalismus und Körperkult sind nur die Spiegelseite der Körperverachtung und Lustfeindschaft. Die Krankheit der Gesunden spiegelt die Gesundheit der Kranken: Je stärker das Leiden, desto lauter schreit das Subjekt nach Gesundheit, je größer die Zurichtung des Körpers, desto stolzer ist man auf seine billig erkaufte „Fitness“. Der Gesundheitsbegriff jedoch abstrahiert von allem Leiblichen, d.h. vom Leiden, und diesem leeren Abstraktionsideal hat schließlich der konkrete Körper sich anzugleichen. Der „Haßliebe gegen den Körper“ (Adorno) entspringen zwei Klischees, die sich selbst bedingen: auf der einen Seite sanktionierter Genuss ohne Reue, mit wenig Kalorien und „healthy sex“, verbildlicht im „Genießertyp“ der Vorabendserie; auf der anderen Seite das krankhaft süchtige Drogenopfer, vom Fernsehen als zoologisches Objekt zur Schau und Bejammerung gestellt. Über ersteres wusste schon Adorno zu sagen, dass verordnete Lust keine mehr sei. Das zweite Klischee, das vom Junkie, ist der Gesellschaft Fläche für pathische Projektionen der eigenen verbotene Lüste. Was das Subjekt als Wunsch vielleicht verspürt, an sich selbst aber verachten muss, den Drang, das Begehren, die Lust, projiziert es als Verkehrtes auf den Drogensüchtigen, dem gar nichts andres bleibt, als Opfer zu sein. Die Horrorbilder in den Medien tragen dazu bei, den Drogen und ihren Anhängseln, den Menschen, die sie nehmen, die ihnen gebührende Verachtung entgegenzubringen. Nach einem Wort Nietzsches ist unbewusster Neid im scheelen Blick ihrer Verachtung. Sie verspüren den Wunsch nach einem Hauch Freiheit, den sie in der romantisierenden Darstellung der Droge – die wiederum nur Kehrseite der schmähenden – verwirklicht sehen. Wie die Integration des Sexus in den Kulturbetrieb dazu führt, dass je freizügiger die Darstellung in Film und Fernsehen, desto weniger in den wirklichen Schlafzimmern los ist, bleibt der Rausch bei den Depps und Travoltas, und der Abspann holt einen rasch zurück ins „wahre“ Leben, in dem schon der nächste Arbeitstag darauf wartet, einem noch den letzten Funken Lust auszutreiben. Ein kleiner Erkenntnisgewinn würde sich also bereits einstellen, tauschte man in der gegenwärtigen Diskussion einmal das Wörtchen „Droge“ durch das Wörtchen „Arbeit“ aus:

Arbeit ist ungesund, macht dumm, zerstört den Körper und kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen.

Freitag, 10.April 2009 – 19.30 Uhr
Kulturladen Nord (KUNO) Wurzelbauerstr. 29, Nürnberg
Eintritt: 5,– / 3,– €