An dieser Stelle werden demnächst in loser Folge ein paar Beiträge von Pólemos-Redakteuren zur aktuellen Corona-Krise, ihren Folgen und den ideologischen Reaktionen darauf erscheinen.  

 

It’s the Pandemic, stupid!

Fetisch und Krisenbewusstsein in Zeiten der Pandemie

Von Daniel Poensgen

Die Mutmaßungen über den Ursprung der Covid-19-Pandemie sind keine, die lediglich eine geopolitische Dimension im Sinne einer Schuldzuweisung unter den Staaten hätte: An der Frage, ob das Virus entweder in einem Labor oder auf einem Wet-Market in der chinesischen Stadt Wuhan von einer Fledermaus auf einen Menschen übergegangen sei, zeigt sich bereits, dass das Verhältnis von Mensch und Natur der Schlüssel zum Verständnis des Krisenbewusstseins in Zeiten der Pandemie ist. In Anbetracht der Existenz zahlreicher Verschwörungstheorien, die vermuten, das Virus sei – wie sollte es anders sein – in israelischen Laboren gezüchtet und gezielt auf Menschen übertragen worden, liegt die Vermutung nahe, dass die Attraktivität dieses Wahns im verbitterten Versuch der Subjekte begründet liegt, die Menschen aus der Natur hinauszudefinieren und als rein soziale Wesen zu sehen. Wenn sich dann doch mal das Natürliche bemerkbar macht in Form von Abertausenden Toten und Kranken weltweit, muss ein finsterer Plan dahinter stecken. Doch nicht nur die Entstehung des neuartigen Virus, auch der Umgang der Staaten mit der Pandemie wird mittlerweile diskutiert, als handle es sich beim Corona-Virus um ein rein soziales, bei der Angst vor der Erkrankung um ein vor allem sozialpsychologisches Problem.

Dabei sind die Auswirkungen der Krise, welche die Pandemie bereits mit sich bringt, noch gar nicht abzusehen, täglich werden neue Strategien zur Eindämmung diskutiert und Schreckensmeldungen über Todeszahlen und Neuinfizierungen, aber auch über die sich einstellenden ökonomischen und sozialen Probleme verkündet. In diesen Tagen eine treffende Kritik am Geschehen zu formulieren, die sich den politökonomischen Entwicklungen und dem Erleben der Individuen stellen muss, scheint in einer solch dynamischen Situation unmöglich. Und doch ginge es im Sinne einer kritischen Theorie von Gesellschaft darum, sich den eigenen Erfahrungen und Beobachtungen nicht zu verschließen, sondern zu prüfen, inwiefern sich gesellschaftliche Totalität immer aufs neue durch ihre einzelnen Momente hindurch entfaltet (1). Dies führt, um mit Adorno auf die Ausgangsfrage zurückzukommen, bei der Bestimmung des Verhältnisses von Natur und Gesellschaft zu der Einsicht „wie sehr Gesellschaft auch in dem steckt, was scheinbar seinem eigenen Inhalt nach, eben als Natur, mit Gesellschaft gar nichts zu tun hat“ (2).

Denn es ist unbestreitbar, dass das Auftreten des für Menschen neuartigen Virus‘ vom Beginn der Krise über die Ausbreitung der Infizierungen bis zur hoffentlich baldigen Eindämmung der Pandemie gar nicht vom gesellschaftlichen Umgang mit ihm zu trennen ist. Natur lässt sich nur negativ, also in Abgrenzung zum Gesellschaftlichen, bestimmen. Kritischer Theorie geht es bekanntlich darum, Herrschaft als Herrschaft von Menschen über den Menschen, aber auch über die äußere und innere Natur der Menschen zu denken – nur wenn Revolution und Kritik im „Eingedenken der Natur im Subjekt“ (3) erfolgen, könnte überhaupt verhindert werden, dass sich der Naturzustand inmitten einer Gesellschaft, die als unabänderlich und damit als zweite Natur erscheint, zu verewigen droht (4).

Betrachtet man nun in diesem Sinne die aktuelle Debatte um die staatlichen Maßnahmen gegen die Krise, lassen sich ideale Typen des Krisenbewusstseins in Zeiten der Pandemie erkennen, denen allen gemein ist, dass sie das Verhältnis von Natur und gesellschaftlicher zweiter Natur nicht reflektieren: Den Staatsbürgern erscheinen Natur und zweite Natur entweder gleichermaßen natürlich oder gesellschaftlich. Aus den Typen des Krisenbewusstseins und ihrem Verhältnis zueinander ergibt sich aber die politische Dynamik, die den weiteren Umgang mit Pandemie und Krise bestimmen wird.

Da gibt es zum einen den Typus der mobilisierten Staatsbürger_innen, vollends bereit, das Werk des Souveräns selbst in die Tat umzusetzen. Ihm erscheinen das Virus und die Pandemie, die Ökonomie und der Staat als gleichermaßen natürlich – und der Kampf gegen Covid-19 als einer, der eben geführt und gewonnen werden muss. Der mobilisierte Staatsbürger kennt daher keine Opposition mehr, schimpft auf die Bürokratie und den Föderalismus, die in der ‚Stunde der Exekutive‘ die notwendigen Maßnahmen verzögern würden. Während er allabendlich um neun passiv-aggressiv vom Balkon herunter Supermarkt- und Krankenhauspersonal beklatscht, hasst er jene Eltern, die mit ihren Kindern unbelehrbar die zwischenzeitlich gesperrten Spielplätze benutzen. Er ist Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Mobilisierung in Zeiten der Krise – eine Mobilisierung, die im Gegensatz zur autoritären Durchsetzung von Verboten als der gängige Modus der Umsetzung der Maßnahmen zum Infektionsschutz bezeichnet werden muss. So verkündete Merkel in ihrer ersten großen Regierungsansprache zur Pandemie am 19. März eben nicht wie von vielen befürchtet eine Ausgangssperre, sondern rief den Einzelnen als Teil einer Schicksals- und Solidargemeinschaft wie im Zweiten Weltkrieg zum Zuhause bleiben und Hände waschen, aber eben doch: zum selbstlosen Engagement für das große Ganze auf (5). Diese Anrufung der Volksgemeinschaft ist nicht zu haben ohne die gleichzeitige Bestimmung eines Feindes: Was im Innern die erwähnten Eltern oder mögliche Besucher von Corona-Partys sind, ist im Äußeren Donald Trump, der sich doch tatsächlich erdreistet, einem Unternehmen aus Deutschland Impfstoffe abkaufen zu wollen. Zuweilen wird die Corona-Volksgemeinschaft von den Mobilisierten durchaus gewaltvoll ausagiert, wenn beispielsweise bei Autos mit fremden Kennzeichen die Reifen zerstochen und wegen 3er-Grüppchen im Park die Polizei gerufen wird – das alles, nachdem zum Beispiel die Landesregierung von Baden-Württemberg die Bürger dazu aufgerufen hatte, Verstöße gegen die Corona-Maßnahmen zu melden: „Die Polizei kann nicht alles entdecken!“(6) Die hier beschriebene Mobilisierung zur Verantwortungsübernahme treibt auch jenseits der Gewalt skurrile Blüten, wenn z.B. in einer Call-In-Show zum Verbraucherschutz im Deutschlandfunk dem Anrufer geraten wird, er solle doch auf seine Ansprüche gegen ein Reiseunternehmen verzichten, da dieses ja jetzt in einer ökonomischen Notlage stecke. Nur wenn alle mitmachen, so das Argument der Mobilisierten, ist die Pandemie eindämm- und die Wirtschaftskrise vermeidbar.

Dem zweiten Typus des pandemischen Krisenbewusstseins, den Souveränisten, erscheinen Natur und 2. Natur hingegen gleichermaßen als gesellschaftlich. Die in antideutscher Kritik vielbeschriebene „Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“ feiert hier fröhlich Urständ. Das gewaltvolle Potential des Souveräns, mit dem man sich ebenso identifiziert wie die beschriebenen mobilisierten Staatsbürger_innen, soll endlich zum Einsatz kommen. Dass dabei parlamentarische Vermittlung, das Zögern und Zaudern angesichts der „offenen Situation“ (Angela Merkel) als Schwäche ausgelegt wird, zeigt sich am deutlichsten in der extremen Rechten. Auf dem Blog der Zeitschrift Sezession wird die Krise begrüßt, wenn man auch an ihren realen Hintergrund jenseits des Üblen Werks der „Globalisten“ nicht glaubt: „Die Regierenden beweisen Stärke, indem sie das tun, was sie über lange Zeit kaum oder eben nur sehr fragwürdig verstanden: Entscheidungen treffen. In dem Sinne: Auf nun zur letzten heiligen Schlacht.“(7) Ausgangssperren und Versorgungsengpässe werden ersehnt, um endlich mal die Erfahrung machen zu können, „welcher Wert einem Sack Kartoffeln eigentlich zukommt“(8): Die Covid-19-Pandemie als Anlass für den heiligen Kartoffelkrieg.

Hiervon lässt sich zwar einerseits der Krisenbewusstseinstypus des Technokraten unterscheiden, weil er Gesellschaft und Natur gleichermaßen von Naturgesetzen beherrscht sieht. Ist diese Geisteshaltung in der Fridays for Future-Bewegung auch jenseits der Pandemie prominent präsent, wird hier das Bild von Natur einfach auf die Gesellschaft übertragen. Andererseits geht es auch dem Technokraten um die Einsetzung eines personalisierten Souveräns – den Experten. Sie sollen die Gesellschaft nach den Regeln der Naturwissenschaft gestalten. Der antipluralistische Hype um Wissenschaftler, denen man die reine Entscheidungsgewalt übertragen sollte, trifft heute die Virologen, gestern die Klimaforscher und morgen schon die Wirtschaftswissenschaftler, wenn es gilt, soziale Härten und allgemeinen Verzicht zum Erhalt des Bio- und Wirtschaftssystems zu verkünden.

In der politischen Linken findet sich hingegen ein vierter Typ des Krisenbewusstseins: Er denkt, dass wir längst im Ausnahmezustand, im autoritären Staat leben. Die Covid-19-Pandemie ist ihm, ähnlich wie dem Souveränisten, eine rein gesellschaftliche Krise. Was den Mobilisierten die Kanzlerin und den Freunden der Dezision die extreme Rechte, ist dem linken Kritiker des allgegenwärtigen Ausnahmezustands der Philosoph Giorgio Agamben. Der hatte schon am 26. Februar geschrieben: „Es ist fast so als ob, nachdem sich der Terrorismus als Grund für Ausnahme-Maßnahmen erschöpft hatte, die Erfindung einer Epidemie die idealen Voraussetzungen bot, diese Maßnahmen über jede Begrenzung hinaus auszuweiten.“(9) Dass man hinterher immer schlauer ist trifft leider nicht auf Agamben zu: Mitte März wiederholte er seine Thesen auch in Anbetracht völlig überforderter Intensivstationen in Norditalien. Denen, die sich derzeit auf Agamben stürzen um etwas über den Ausnahmezustand zu erfahren, wäre zu entgegnen: Sinnvoll getroffen ist mit dem Begriff ein Zustand, in dem Rechte nicht gelten, die gesamte Rechtsordnung suspendiert ist und Gewalt ausgeübt wird – das alles aber mit dem Ziel, die Gesetze wieder in Kraft setzen zu können. Dabei sind Recht und Souveränität auch jenseits des Ausnahmezustandes durcheinander vermittelt, bedingen einander und gehen doch nicht in einander auf. Für Agamben hingegen ist der Ausnahmezustand ein Raum, in dem der staatliche Souverän seine „Bio-Macht“ über das „nackte Leben“ ausübt – egal, ob es sich bei diesem Raum um Auschwitz, Guantanamo oder die Intensivstation eines Krankenhauses handelt. Doch nicht jeder Rechtsverstoß, nicht jede nicht-rechtliche Maßnahme oder gar jeder Zugriff staatlicher Institutionen auf den Leib der Staatsbürger ist sinnvoll als Ausnahmezustand zu beschreiben. Die Ausgangssperre ist eine Rechtsverordnung oder eine Allgemeinverfügung, also ein Verwaltungsakt. Dieser ist rechtlich anfechtbar – aus der Gesetzesgrundlage, dem Infektionsschutzgesetz, ergibt sich jedoch, dass diese Anfechtung keine aufschiebende Wirkung hätte (10). Zahlreiche Gerichte haben bereits eine Vielzahl der Maßnahmen geprüft, viele bestätigt und manche wieder aufgehoben – hieraus einen Ausnahmezustand begrifflich irgendwie belastbar zu konstruieren, dazu braucht es den Wunsch nach einer letzten Schlacht, den die linken Kritiker mit den rechten Souveränisten teilen.

Schließlich gibt es noch den Typus der konformistischen Rebellen: Er ignoriert die Gefahr der Pandemie schlichtweg und beharrt so trotzig auf seinen Gewohnheiten wie diese den Erwartungen der kapitalistischen Gesellschaft entsprechen. Wie der mobilisierte Staatsbürger fasst er erste und zweite Natur als rein gesellschaftlich auf. Ob er wirklich zum Gesetzes- und Verordnungsverstoß bereit wäre, sobald es relevante staatliche Maßnahmen gibt, darf bezweifelt werden. Durchaus den gesellschaftlichen Verhältnissen adäquat ist er daran gewöhnt, ohnehin nur das scheinbar eigene Interesse, das Partikulare zu verfolgen. Er hält sich für unverwundbar und rationalisiert das mit dem Verweis auf das angeblich so überlegene deutsche Gesundheitssystem. Leo Fischer hat dies polemisch durchaus treffend als „Herrenmenschendenken“ beschrieben(11). Empathie haben sich diese konformistischen Rebellen abgewöhnt, und so wird der potentiell massenhafte Tod der Risikogruppen wieder zynisch zum gesellschaftlichen Normalfall erklärt. Sich völlig in den Souverän einfühlend, rechnet er sich aus, dass das Staatsvolk als Volk von Corona in seinem Bestand nicht gefährdet, staatliche Maßnahmen zum Schutz also „hysterischer Wahn“ sind, dem „traditionellen Souverän“ nicht würdig (12). Den konformistischen Rebellen ist die nicht zuletzt in Anbetracht des vielfach prekären Lebens angemessene Furcht vor dem qualvollen Tod unter ihrer souveränen Würde.

Nun lassen sich diese Typen weder klar voneinander trennen noch einzelne Individuen eindeutig einem Typus zuordnen. Sie sind ideologisch in dem Sinne, dass in ihnen Wahrheit und Lüge, adäquates und falsches Bewusstsein verschränkt sind. Kritik jedoch, die das Krisenbewusstsein in Zeiten der Pandemie nicht zugleich als Mobilisierung, als Sehnsucht nach und Wahn vom allgegenwärtigen Ausnahmezustand, als autoritäre Anbetung der Technokraten und als konformistische Rebellion fasst, kann die gegenwärtigen Dynamiken nicht treffen. Den Formen des Krisenbewusstseins in Zeiten der Pandemie ist jedoch gemeinsam, dass sie das Verhältnis von erster und zweiter Natur nicht zu denken im Stande sind. Wenn gesellschaftliche Verhältnisse als Naturverhältnisse erscheinen und Naturverhältnisse als gesellschaftliche Verhältnisse, dann ist allen bewusst, dass die gewählten Mittel zur Eindämmung einer Pandemie dieselben sind, die auch bei der nächsten polit-ökonomischen Krise genutzt werden können. Während die einen also so tun, als könnte man mit der Corona-Pandemie verfahren wie mit einer Überakkumulationskrise, werden die anderen nach Abklingen der Pandemie dieselbe Rigorosität einfordern, um auch die polit-ökonomische Krise zu bändigen.

Der Umgang mit dem Corona-Virus ruft den Staatsbürgern schmerzhaft in Erinnerung, was sie sonst recht erfolgreich verdrängen: das gewaltvolle Potential des Souveräns. Diese scheinbare Wiederentdeckung der Möglichkeiten staatlicher Politik ist umso ernster, als das Ausmaß der globalen Krise, die selbst bei einer zeitnahen Eindämmung der Pandemie auf alle zukommt, noch kaum abzuschätzen ist. Und es bleibt fraglich, ob die Deutschen nachdem sie dem Reiseunternehmen Geld geschenkt und den älteren Nachbarn den Einkauf heimgetragen haben, sich auch noch in Anbetracht derer, die Pandemie und Krise besonders treffen, solidarisch zeigen werden: Obdachlose, Geflüchtete, Opfer von verstärkt aufkommender z.B. häuslicher Gewalt. Es bleibt das Rätsel der radikalen Linken, warum sie zwar einerseits derzeitige Maßnahmen zum Ausnahmezustand eines autoritären Staates dämonisiert, andererseits aus der sich anbahnenden Situation aus kollabierenden Staaten, Massenarbeitslosigkeit und womöglich zahlreichen Todesopfern Hoffnung für emanzipatorische Kämpfe schöpft (13). Wahrscheinlicher ist, dass in Anbetracht einer von Armut und Arbeitslosigkeit zunehmenden Verstaatlichung der Subjekte (14), der Reorganisation von Lieferketten in geopolitischen Großräumen und der damit verbundenen möglichen Abnahme von ökonomischen Interdependenzen auf dem Weltmarkt tatsächlich autoritäre, rechtsextreme und islamistische Regime sowie Rackets aller Art auch jenseits von Staatlichkeit einen Aufschwung erfahren werden: Schon jetzt hat eben nicht nur die Stunde der Exekutive, sondern längst auch die der Bande geschlagen, wenn sich beispielsweise mexikanische Drogenkartelle oder die Camorra durch Hilfslieferungen an die Bevölkerung für eine neue Verhandlungsrunde mit den bankrotten Staaten wappnen und im brachliegenden informellen Sektor die Laufburschen von Morgen rekrutieren.

Und auch in antideutschen Kreisen lässt man sich gerne von der neuen Staatseuphorie anstecken und fasst verloren geglaubtes Vertrauen in den Souverän: So pausiere, meint die Gruppe Distanz, zumindest vorübergehend der „Kampf gegen die Alten und Schwachen“: „In der immer wieder gehörten Rhetorik, dass doch die Gesundheit aller wichtiger sei als die Ökonomie, scheint immerhin das von Adorno Formulierte auf, dass sich die Humanität einer Gesellschaft am Umgang mit ihren Schwächsten zeigt.“(15) Die Gruppe En Arret hält fest, „echte Solidarität“ würde bedeuten, „nicht vom Markt, sondern vom Staat Hilfe zu verlangen.“(16) Die Redaktion Bahamas geht „vorläufig“ davon aus, „dass Staat und Politik wirklich Leben retten wollen“(17). Der Staat nimmt in seinem Streben, sich selbst zu erhalten und die Akkumulation des Kapitals zu organisieren, durchaus den Schutz des Lebens der Einzelnen als Staatsbürger in Kauf. Doch in erster Linie wollen „Staat und Politik“ sich selbst, und das heißt auch ihre Staatsbürger als Staatsvolk, retten – das Leben der Einzelnen und insbesondere der Nicht-Staatsbürger wird hingegen wissentlich gefährdet, wenn beispielsweise die Aufnahme gemeinsamer Kredite auf europäischer Ebene verweigert wird, deutsche Intensivstationsbetten weitgehend ungenutzt bleiben und Ernte- und Schlachthelfer auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Unter „echter Solidarität“ versteht der Staat, alles zu versuchen um auf dem Weltmarkt in der Konkurrenz um Schutzmasken und Beatmungsgeräte andere Staaten auszustechen, auch wenn das zwischenzeitlich knappe Material anderswo dringender gebraucht würde. Und gerade den Alten und Schwachen wird die Humanität der Gesellschaft derzeit besonders vor Augen geführt, wenn man von Schäuble bis Palmer und Habeck, vom Freitag bis zur Zeit betont, dass nicht das Leben der Einzelnen, sondern ihre Würde als Deutsche das Höchste Schutzgut des Staates ist (18).

 

Anmerkungen:

(1) Adorno, Theodor W., Zur Logik der Sozialwissenschaften. In: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Band 8, Frankfurt am Main 1997, S. 549.

(2) Adorno, Theodor W., Einleitung in die Soziologie. In: Theodor W. Adorno: Nachgelassene Schriften, Band 15, Frankfurt am Main 1993, S. 33.

(3) Theodor W. Adorno/Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. In: Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, Band 2, Frankfurt am Main 1997, S. 58.

(4) Vgl. Scheit, Gerhard: Rettung der Natur und Verdrängung des Souveräns: Umweltschutz als antikapitalistischer Wahn. In: Phase 2/27, 2008.

(5) In der Rede hieß es wörtlich: „Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“ Vgl. https://www.nwzonline.de/politik/berlin-corona-rede-im-wortlaut-lesen-sie-hier-merkels-ansprache-an-die-nation_a_50,7,2821516659.html (25.3.2020).

(6) https://www.fr.de/panorama/blockwart-boom-13641319.html (02.05.2020).

(7) Bosselmann, Heino: „Corona (3): Eine Offenbarung.“ Online unter: https://sezession.de/62297/coronavirus-3-eine-offenbarung (25.3.2020).

(8) Ebd.

(9) Übersetzung durch den Autor. Vgl. die gesamte Debatte: http://www.journal-psychoanalysis.eu/coronavirus-and-philosophers/ (25.3.2020). Im Zuge der Debatte wurde auch deutlich, dass es Agamben um seine Kritik der Bio-Politik wirklich ernst ist: Wie sein „alter Freund“ Jean-Luc Nancy im Zuge der Debatte berichtet, habe ihm Agamben vor beinahe 30 Jahren geraten, nicht auf die Ärzte zu hören und sich keiner Herztransplantation zu unterziehen.

(10) Ein Beispiel für den sorglosen Umgang mit dem Begriff des Ausnahmezustandes liefern Neumann/Pichl: Sie sehen im Ausnahmezustand auch die Möglichkeit staatlicher Politik, den Neoliberalismus zu beenden, vgl. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-welt-nach-corona-wird-jetzt-ausgehandelt (25.3.2020).

(11) https://www.facebook.com/leofischeresq/posts/3293915163956291?__cft__[0]=AZXbq6iqJVPD7QdQhrDLUHpL9IKzu0rtj8EcwLuotjskPgvcfkaaiAZjTWplLOMjPCl_5ZY1YxKQOrvw7m4Nt6IpEgXGoIhlkwJKNnDthjcns-U-UoOHPq6OloR0RlXkw0g&__tn__=%2CO%2CP-R (25.3.2020)

(12) http://www.magazinredaktion.tk/corona4.php (03.05.2020).

(13) So beispielsweise im Beitrag von Neumann/Pichl.

(14) Dominik Intelmann hat diesen als ‚Verstaatlichung‘ treffend zu bezeichnenden Prozess, in dem Menschen zu wohlhabenden Transferempfänger_innen gemacht werden, für das Ende der DDR beschrieben. Vgl. ein Interview bei Radio Corax: http://audioarchiv.blogsport.de/2019/11/28/lost-in-transformation/ (25.3.2020). Der Prozess hat Auswirkungen auf die Verbreitung rechtsextremer und autoritärer Einstellungen in Ostdeutschland bis heute, was auch – bei aller berechtigten Kritik an der Untersuchung – Manow für die politische Ökonomie des Populismus gezeigt hat: Manow, Philip: Die politische Ökonomie des Populismus. Frankfurt am Main 2018.

(15) https://www.facebook.com/324364721702128/photos/a.331237844348149/702672780537985/?type=3&__tn__=-R (03.05.2020).

(16) https://enarret.wordpress.com/2020/04/15/coronapreneurs/?fbclid=IwAR0eT58E4q53zTCSu-2H8zG9245A3shQGxt4rXdMfaIstqBVB9PNTRbVhiQ (03.05.2020).

(17) http://redaktion-bahamas.org/editorial/2020/nr-84/ (03.05.2020).

(18) Mit Agnoli hat die ISF bereits darauf hingewiesen: „So lautet die Wahrheit von Artikel 1 (1) vielmehr: Die Würde des Staates ist unantastbar, die des Souveräns erst recht.“, https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/isf-staat-grundgesetz/ (05.05.2020)