Angst und Ehre

Die Anschläge von Paris und die Folgen

Gefühlte 90% derjenigen, die sich irgendwie zu den Massakern in Paris Anfang Januar äußerten, waren Charlie Hebdo. Dabei gäbe es gute Gründe, sich nicht anzumaßen, Charlie Hebdo zu sein. Nicht etwa um den ermordeten Mitgliedern der französischen Satirezeitschrift ein, wie auch immer verdruckstes, geschmackloses „so was kommt von sowas“ hinterherzurufen. Die Redaktion der Pólemos ist es nicht, weil ihre Mitglieder Angst hätten, so leben zu müssen, wie der ermordete Redakteur Stéphane Charbonnier, der lange unter Polizeischutz stand, der sich angesichts des Überfalls zudem als wirkungslos erwies. Oder wie Michele Houllebecq, Kurt Westergaard und viele andere, die täglich mit der lebensgefährlichen Drohung von Islamisten leben müssen. Mit ihnen hat die Pólemos zwar gemeinsam, dass sie die Ehre Allahs, seines Propheten und seiner Anhänger keineswegs für ein schützenswertes Gut hält, aber uns würde entschieden der Mut fehlen, geschweige denn die Öffentlichkeit, den Preis zu zahlen, den eine unter großer Aufmerksamkeit begangene „Ehrverletzung“ des Islam mit sich bringt. Merkwürdig nur, dass wohl die meisten, die derzeit wie verzweifelt Charlie Hebdo sein wollen, anders als jene Satiriker, die Ehre von Religionen und Kulturen, insbesondere die des Islam, durchaus als besonders verteidigenswert erachten. Damit man sich dennoch betroffen fühlen durfte, musste der Anschlag in einen der ganz allgemein und abstrakt der Pressefreiheit gegolten habe, umgedichtet werden. In einem „Aufruf der Zeitungsverleger“ ließ Helmut Heinen gleich zu Beginn verlautbaren: „Das Attentat auf ‚Charlie Hebdo‘ ist ein Angriff auf unsere Demokratie, unsere Presse- und Meinungsfreiheit. Wir müssen sie stets aufs Neue verteidigen, auch gegen die perfide Propaganda der Pegida-Anführer und den üblen Vorwurf der ‚Lügenpresse‘“ (FAZ online, 9.1.15). Daneben eine Karikatur, die oben links eine „Lügenpresse“ skandierende Pegida-Demonstration zeigt und unten rechts die Attentäter mit der Sprechblase „Die reden nur, wir tun was“. Als hätten die Pegida-Demonstranten – deren Ehre zu verteidigen gewiss auch unsere Sache nicht ist – gerade ein Blutbad angerichtet und nicht Islamisten.

Am Samstag danach demonstrierten in Würzburg die „Romanisten gegen Rassismus“ – für Vielfalt und gegen Ausgrenzung (der Islamisten?); nicht ins Bild passten einige Kritiker, die es sich nicht nehmen ließen Karikaturen des bärtigen Propheten Mohammeds zu zeigen und in einem Flugblatt zudem bekräftigen, dass die Solidarität explizit den in Frankreich bedrohten Juden zu gelten habe. In Windeseile war Schluss mit Vielfalt und Meinungsfreiheit als sie in Mitten des applaudierenden Publikums durch einige Organisatoren und Ordner handgreiflich genötigt wurden, die Plakate zu entfernen. Die gegenwärtigen Demonstrationen spiegeln eine merkwürdige, aber vertraute Melange aus Anti-Pegida, Montagsdemonstranten, Blockupy und Anti-Naziprotesten wieder, die sich, wie in Deutschland nicht anders zu erwarten, zu einer Einheit des Volkes für eine abstrakte „Pressefreiheit“ und gegen welchen „Terror“ auch immer inszenieren.

Systematisch wird darum herum geeiert, wenn nicht gleich ganz verschwiegen, wer bei den Attentaten von Paris warum angegriffen wurde: Die Redaktion von Charlie Hebdo, weil sie es gewagt hat, keine Rücksicht auf das Ehrgefühl dauerbeleidigter Moslems zu nehmen und, zwei Tage später, ein koscherer Supermarkt, einfach weil er dem antisemitischen Attentäter als jüdisch galt. Während der Geiselnahme erklärte er telefonisch einem französischen Fernsehsender, warum er sich genau diesen Supermarkt ausgesucht hatte: „Die Juden. Wegen der Unterdrückung, vor allem des Islamischen Staats, aber überall. Es ist für alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden. Palästina gehört dazu“ (Israelheute, 10.1.15). Während islamistische Anschläge wie in New York, Madrid und London eher eine vergleichsweise abstrakte Bedrohung darstellen, häufen sich insbesondere in Frankreich bzw. von Frankreich ausgehend in den letzten Jahren die unmittelbaren Angriffe auf Juden und ihre Einrichtungen: 2012 wurden ein Rabbiner und drei Kinder in Toulouse ermordet, 2014 das jüdische Museum in Brüssel angegriffen, in Sarcelles, einem Vorort von Paris kam es während des letzten Gazakrieges tagelang zu massiven antisemitischen Ausschreitungen. Erst Mitte Dezember wurde in Paris ein junges Paar aus antisemitischen Motiven brutal überfallen und auch die alltäglichen Übergriffe, Schmierereien usw. nehmen zu. Jedes Mal waren die Täter Islamisten aus Frankreich. Der offenkundige Antisemitismus des Anschlags vom 9.1. jedoch war, wenigstens den deutschen Zeitungen, kaum der Erwähnung wert. Während die bedrohten Islamkritiker noch wie wir die Wahl haben, ob sie sich der Gefahr aussetzen wollen, können sich französische Juden dieser Gefahr zunehmend nur noch dadurch entziehen, sich nicht mehr als Juden zu erkennen zu geben und jüdische Einrichtungen zu meiden – oder eben, was immer mehr tun, nach Israel oder in die USA auszuwandern.

So ist „je suis Charlie“ auch als trotzige Geste, man lasse sich nicht unterkriegen, gänzlich unangebracht: Dass Islamkritiker schweigen – die wegen ihrer Mohammed-Karikaturen bekanntgewordene dänische Zeitung Jyllands-Posten erklärte aus Sicherheitsgründen keine Charlie Hebdo Karikaturen zu drucken (FAZ 10.1.15) – und Frankreichs Juden in permanenter Angst leben müssen, zeigt wie außerordentlich erfolgreich die Anschläge sind.

Dazu kommt, dass es etwas spät ist, für Bekenntnisse zu Charlie Hebdo: Als die Mitglieder der Redaktion noch nicht Opfer eines Mordkommandos geworden waren, galten ihre Mohammed-Karikaturen der damaligen französischen Regierung wie den meisten deutschen Zeitungen als „Provokationen“; allenthalben hieß es, die Cartoonisten würden Öl ins Feuer gießen. Heute nennt die Süddeutsche Zeitung das Satireblatt „ein Symbol der Freiheit und Toleranz“ (10.1.15). Zudem ließ sie sich den „kritischen“ Gestus nicht nehmen und druckte zwei sich küssende Männer, eine Karikatur aus der Charlie Hebdo, nach: einen irgendwie als geistlich dargestellten Moslem – also keine Karikatur Mohammeds wie die Hamburger Morgenpost sie abdruckte, und beiläufig erwähnt in der Nacht auf den Sonntag zum Opfer eines Brandanschlags wurde – und einen Cartoonisten. Was gestern der Süddeutschen Zeitung als Akt der Solidarität im Kampf für Pressefreiheit galt, weicht morgen schon wieder der kultursensiblen Pflege jener, die sich von den Karikaturen angeblich betroffen fühlen. So zitiert die Süddeutsche Zeitung „kritische Stimmen“ die nicht Charlie sein wollen: „Als Muslimin werde ich keine Zeitung verteidigen, die mich nicht respektiert und meinen Glauben und meine Kultur lächerlich macht“ (11.1.15). Da es im Münchner Verlagshaus stets kritisch zugeht, möchte man ein breites Meinungsbild einfangen, die Tage als man gemütlich Charlie war, werden wieder zu denen als man nie Charlie sein wollte. Die Tageszeitungen verfügen über ein präzises Kurzzeitgedächtnis, man könnte auch sagen: über selektive Wahrnehmung; auf das Einerseits hat stets ein Andererseits zu folgen, so wird bereits verdrängt was in den Tagen in Paris geschah: ein antisemitisches Attentat.

Am Sonntag danach rief unter anderem der Ministerpräsident François Hollande zu einer Solidaritätsdemonstration in Paris auf. Mehrere Regierungschefs verschiedener Länder führten den Demonstrationszug an um ihre Trauer zu bekunden; einzig die Teilnahme Binyamin Netanyahu und der Front National besorgte den französischen Präsidenten; er bat den israelischen Regierungschef, da er für Kontroversen sorgen würde, um ein Fernbleiben. Als Netanyahu erklärte, trotzdem zu kommen, lud die französische Regierung schleunigst Palästinenserpräsident Abbas ein, einen glaubwürdigen Verfechter der Pressefreiheit und des Kampfes gegen Terrorismus.[1] Die Inszenierung der politischen Klasse, ausgenommen sei Netanyahu, hatte selbstredend auch nicht zum Ziel den Antisemitismus zumindest zu thematisieren, sondern, so gesehen, einzig und allein die nachdrückliche Aufwertung der „Palästinenser“ und der politischen Bewegung des Islam.

Bei der ganzen Ehrenrettung des Islams werden die Apostaten dieser Religion systematisch vergessen: Sie sitzen in genau den islamischen Staaten hinter Gittern mit denen man in Deutschland, Österreich und mittlerweile auch in den USA gerne in einen kulturellen Dialog tritt, unter Beifall der deutschen Presse wie der SZ. Politische Gefangene aus Gohardasht (Iran) ließen in einer solidarischen Grußbotschaft mitteilen: „Unfortunately, the Western governments, particularly the Europeans still do not want to accept that appeasement against organized state terrorism that has dominated Iran and the rest of the region, practically becomes a model for ISIS and other terrorist and fundamentalist groups like Al-Qaeda, Hezbollah, the Taliban and Boko Haram, and Shiite IS alongside Sunni IS will destabilize the world”.[2]

Inzwischen hat sich auch der Iran, der 2013 verlautbaren ließ, die Karikaturen in Charlie Hebdo seien „Teil einer zionistischen Islamophobie-Kampagne“ die Anschläge von Paris verurteilt: „jede Art von terroristischen Anschlägen gegen unschuldige Menschen sei unvereinbar mit der islamischen Lehre“ (junge Welt 9.1.). Beinahe unglaublich angesichts der langen Geschichte und andauernden Gegenwart iranischen Terrors von Argentinien, über die Berliner Gaststätte „Mykonos“, bis zu Libanon, Irak und Syrien.[3] Aber die Pointe steckt freilich in dem Wörtchen „unschuldig“ – das war Charlie Hebdo in den Augen der iranischen Ideologen gewiss so wenig, wie die Besucher des jüdischen Supermarktes. Wenn für die Mehrheit der nichtjüdischen Europäer wieder Normalität eingekehrt ist, wird man sich dennoch in Europa der Worte des iranischen Regimes erinnern und dass auch der Iran irgendwie Charlie Hebdo gewesen ist – was sich für die Juden Frankreichs und die Israelis als fatal erweisen könnte.

Redaktion Pólemos, 12.01.2015

Fußnoten

[1] Die gewiss nicht israelfreundliche Organisation „Reporter ohne Grenzen“ führt die Palästinensischen Gebiete in ihrer Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 138 von 180, zwischen Libyen und dem Tschad. 2014 wurden laut ihrer Jahresbilanz in den Palästinensergebieten nach Syrien weltweit die meisten Journalisten getötet. Erst im vergangenen November postete einer von Abbas Beratern, Abu Al-Einein, auf Facebook Fotos von den in einer Jerusalemer Synagoge brutal ermordeten Opfern und bezeichnete sie als Fotos einer „heroischen Aktion“ gegen eine „religiöse zionistische Einrichtung“ (http://palwatch.org/main.aspx?fi=708).

[2]              http://www.ncr-iran.org/en/news/terrorism-fundamentalism/17787-iran-political-prisoners-condemn-paris-terror-attacks

[3]              Vgl. http://de.stopthebomb.net/de/text-audio-und-video/hisbollah-terrorismus/stationen-des-terrors.html

 

Nach langer Zeit können wir ankündigen, dass in Kürze ein neues Heft der Pólemos erscheinen wird. Mit Beiträgen über das deutsche Verhältnis zu Russland, das Lachen, das Recht, die Physik uvm.

Gerne weisen wir auf folgende Veranstaltung in Nürnberg hin:

 

Alles neu mit Rohani? Die Verhandlungen mit dem iranischen Regime & die Bedrohung Israels

 

Vortrag von Stephan Grigat

Dienstag, 21.Januar 2014 18:30 Uhr

Thalia-Buchhaus CAMPE, Karolinenstraße 53

http://www.dig-nbg-mfr.org/veranstaltungen

Ist es durch den neuen Präsidenten des iranische Regimes zu einem Strategiewechsel gekommen oder steht Hassan Rohani nur für eine neue Taktik der Teheraner Machthaber? – Was bedeutet das für den Westen und Israel? – Wie kann Israel und wie soll der Westen auf die veränderte Situation reagieren? – Und einige Fragen dazu mehr….

Der Eintritt ist frei.

Nach einer längeren Pause ist mit der fünften Ausgabe die Zeitschrift Pólemos wieder erschienen. Der Umfang des Hefts hat sich deutlich vergrößert , so dass wir ab der nächsten Ausgabe den Preis pro Heft um 1,50 € auf 3,50 € erhöhen müssen. Der Abopreis wird sich ab dem nächsten Heft auf 7,00 € belaufen. Für die aktuelle Ausgabe bleibt der Preis noch bei den gewohnten 2,00 €.

Inhalt:

Leo Elser: Endlich wieder Juden kritisieren. Anmerkungen zur sogenannten Beschneidungsdebatte.

Jan-Georg Gerber: Talk about Sex. Ein Beitrag zur selbigen.

Dominique Goubelle: Bohème und Brettl revisited. Vom engagierten Kleinkünstler zum Politiker neuen Typs.

Felix Menz: Die Wiederaneignung der Gewalt durch die Juden. Über Claude Lanzmann und Jean Améry.

Rudi Landmann: Portrait of the artist as a clown. Über Joseph Beuys.

Peter Schrader: Der kategorische Imperativ. Über den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Uli Krug: Der letzte Marxist. Gedanken zum Tod von Robert Kurz.

Rudi Landmann: Kleines Wort zum Sonntag. Über Robert Walser.

Joachim Bruhn: Die „Bibel der Arbeiterklasse“ als Koran der Linksdeutschen. Wie man das marxsche „Kapital“ gemeinverständlich zubereitet.

David Parnass: Die Wiederkehr der totgesagten Subjekte. Postmoderne als Borderline-Philosophie (Teil II).

Die gedruckte Fassung kann ab sofort unter redaktion.polemos[at]gmail.com bestellt werden.

Pólemos #05 zum Download als PDF

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Der neue Nahe Osten

Vom arabischen Frühling in den islamistischen Herbst

mit Stephan Grigat

Wer Anfang 2011 davor warnte, der arabische „Frühling“ könne sehr schnell in einem Siegeszug der islamistischen Moslembrüder enden und für Israel zu einer neuen Bedrohung führen, galt als Schwarzseher, der „den Arabern“ keine Demokratie „gönnen“ würde. Heute ist nicht zuletzt angesichts der Wahlergebnisse in Ägypten Ernüchterung eingetreten. Nachdem die Erfolge der Islamisten nicht mehr geleugnet werden können, geht man dazu über, ihre Ideologie schön zu reden.

Die zentrale Frage lautet weiterhin, ob jener für den Nahen Osten so typische Mechanismus durchbrochen werden kann, bei dem die innergesellschaftlichen und durch den Weltmarkt evozierten Widersprüche, die durch den Sturz von Mubarak in Ägypten oder von Ben Ali in Tunesien nicht verschwunden sind, stets in hemmungslose Aggression gegen den jüdischen Staat transformiert werden. Bisher gibt es wenig Anzeichen dafür, dass das in absehbarer Zeit gelingen kann.

Der Vortrag wird versuchen, eine Einschätzung der bisherigen Entwicklung zu geben, die Bedeutung der Umwälzungen in den diversen arabischen Ländern für den Expansionsdrang des iranischen Regimes und für die prekäre Situation Israels darzustellen und die Politik Deutschlands und der EU gegenüber den zentralen Akteuren im Nahen Osten einzuschätzen.

 Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bündnisses STOP THE BOMB. Er ist Mitherausgeber von Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer (Studienverlag 2008) sowie von Iran im Weltsystem. Bündnisses des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung (Studienverlag 2010) und Herausgeber von Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert (ça ira 2012).

Donnerstag, 06. September 2012, 20 Uhr

Künstlerhaus im KUKUQ (K4/Komm), II. OG, Glasbau

Königsstr. 93, Nürnberg

Eintritt 2,-/3,-

Die Familie Martin Walser und ihre Versuche, Kritik zu kriminalisieren und den Kritiker mundtot zu machen

Vortrag und Diskussion mit Carl Wiemer


In seiner Dokumentarkomödie ‚Der Literaturverweser’ (Edition Tiamat 2010) hat Carl Wiemer Martin Walser und seine Töchter als prototypische Produkte des deutschen Kulturbetriebs gezeichnet, in dem inzestuöse Borniertheit, künstlerische Inferiorität und ein unbelehrbarer Antisemitismus stets für preiswürdig gehalten werden. Daneben begleitete er zwei Jahre lang die öffentlichen Auftritte Martin Walsers und seiner Tochter Alissa mit Aufklärungsmaterialien, die er bei deren Lesungen unters Publikum brachte. Seitdem wird er von der Familie Walser mit einer Flut von Unterlassungserklärungen, einstweiligen Verfügungen, Zivil- und Strafprozessen eingedeckt, die den Zweck verfolgen, Kritik zu kriminalisieren und den sie übenden Kritiker mundtot zu machen.

In seinem Vortrag schildert Carl Wiemer die gegen ihn gerichteten Versuche der Familie Walser, ihre Lebens- und Geschichtslügen juristisch sanktionieren zu lassen. Diese Lebens- und Geschichtslügen korrespondieren auf frappierende Weise mit jenen der deutschen Nation, was insofern nicht wunder nimmt, als von den Walsers zwei der glorreichsten deutschen Traditionen verkörpert werden, nämlich der Antisemitismus durch das NSDAP-Mitglied Martin Walser und das Denunziantentum durch seine Tochter Alissa und deren Ehemann, den STASI-Spitzel Sascha Anderson.

Außerdem geht es um die Analyse des hiesigen Kulturbetriebs als branchentypischer Gestalt eines Rackets, als deren kleinste Gestalt die Familie firmiert, während seine aggressivste Form die Nation darstellt. Nicht zufällig hat Walser die Nation stets als Großfamilie konzipiert. Das deutsche Kulturracket bringt folgerichtig den Typus des Staatsschriftstellers hervor, der sich nicht nur von staatlichen Zuwendungen nährt, sondern auch keinen Moment zögert, die staatlichen Vollzugsorgane Polizei und Justiz einzuschalten, um gegen seinen letzten Feind, den freien Autor, vorzugehen. Der Staat, der nicht umsonst allseits als Vater imaginiert wird, soll seine Polizeikräfte mobilisieren, um jene Rolle einzunehmen, die Papa Martin für seine talentfreien Töchter zeitlebens gespielt hat.

Nichts widerspricht dem Geist der Literatur mehr als die Walsersche Vorstellung, dass die Literatur ein in Erbfolge zu führender Familienbetrieb sei, in dem die Herkunft alles und die Texte nichts zählen.

Dienstag, 05. Juni 2012

19:30 Uhr

Veranstaltungsort: II. OG Glasbau im KUKUQ (ex-K4 /ex-Komm)

Königsstraße 93, Nürnberg (gegenüber Hbf)

Veranstalter: AG Kritische Theorie/ Redaktion Pólemos und Gruppe Monaco (München)

Buchvorstellung und Vortrag von Gerhard Scheit

Noch im Todesjahr Adornos war das Buch Die neue Linke nach Adorno erschienen: Es sollte damit eine Art Aufbruchsstimmung suggeriert werden, wobei die einen mit, die anderen ohne das Erbe des Verstorbenen aufbrechen wollten. Das Buch hingegen, das hier präsentiert wird, hat den Untertitel Kritik der Gesellschaft nach Adorno, könnte aber auch: Adorno nach der neuen Linken heißen. Nachdem nämlich diese Linke durch ihren Antizionismus sich selbst zerstört hat, ist jederzeit auf Adornos Imperativ zu beharren: der Nötigung, unter allen Umständen „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole“, und also Israel gegen den antisemitischen Wahn zu verteidigen. So wie die von Adorno geforderte, differenzierteste Kenntnis dieser Umstände immer den Widerspruch einschließt, dass sie erst gar nicht zu begreifen sind, wird die Möglichkeit, sie doch noch zu ändern, aus dem Denken verbannt.


Freitag, 16. Dezember 2011
19:30 Uhr
Glasbau im KUKUQ (K4 / Komm)
Königsstraße 93, Nürnberg (gegenüber Hbf)

Im Rahmen der „Thementage Antisemitismus“ in Freibug hielt Leo Elser (Redaktion Pólemos) einen Vortrag über die Frage: „Darf man Israel kritisieren?“.  Der Vortrag kann hier angehört oder runtergeladen werden. Auch die anderen Vorträge der Veranstaltungseihe werden demnächst auf der Homepage der „Thementage“ verlinkt.
Die Veranstalter der „Thementage“ sind dringend auf Spenden angewiesen.


Inhalt:

Wenn nur noch „das Gehirn“ denkt, wird die Vernunft naturalisiert. Rudi Landmann beharrt dagegen darauf, dass Unmündigkeit selbstverschuldet ist. S. 1.

Wo das derbe Ressentiment freudige Urstände feiert, sind Humanistische Nazis, humorlose Narren am Werk. Von Dominique Goubelle ab S. 8.

Leo Elser über den Hochmut des Prinzen und der akademischen Klasse. S. 14.

Ab S. 17 polemisiert die Gruppe Morgenthau gegen Gesinnungs- und Heimatschutz im Ort der Einfalt.

In Dschihad oder Revolution erinnert Danyal an die Aufstände im Iran. S. 19.

Ein Interview mit Juanita Henning über Prostitutionstätigkeit und sexuelle Selbstbestimmung ab S. 22.

Die arabische Konterrevolution. Ein Gastbeitrag ab S. 27 von Jörg Finkenberger.

Zur Alltagspathologie eines Schreibtischtäters. Analysiert und endgültig erledigt von Joachim Bruhn ab S.29.

Kritik des Bandenwesens, statt Bandenkrieg fordert Leo Elser ab S. 31.

Der angekündigte 2.Teil von Die Wiederkehr der totgesagten Subjekte wird in der nächsten Ausgabe erscheinen.

Die Pólemos #4  kann ab sofort bestellt werden.

Pólemos #4 zum Download als PDF